Weniger Investitionen in saubere Energien

Die EU-Kommission schätzt, dass die Länder der Europäischen Union in den nächsten 20 Jahren ca. 180 Mrd. EUR an zusätzlichen jährlichen Investitionen, insbesondere in saubere Energien, benötigt, um den Anstieg der globalen Temperaturen unter 2°C zu halten. Dazu hat sie ein Gremium gebildet, dass diesen Übergang sicherstellen soll: Die High Level Expert Group on Sustainable Finance.

Industrie, Finanzsektor und Regierungen in der EU werden sich anstrengen müssen, diese Ziele zu erreichen und damit das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Die International Energy Agency hat nämlich einen recht pessimistischen Jahresreport über die weltweiten Energieinvestitionen veröffentlicht. Nach Angaben der Agentur sind die Investitionen in erneuerbare Energien im dritten Jahr in Folge gesunken. Das gefährdet den Umstieg auf saubere Energien. Fatih Birol, Executive Director der Agentur, die zwar autonom agiert, aber zum Umfeld der OECD gehört, fasst die Ergebnisse wie folgt zusammen:

„The decline in global investment for renewables and energy efficiency combined could threaten the expansion of clean energy needed to meet energy security, climate and clean-air goals. While we would need this investment to go up rapidly, it is disappointing to find that it might be falling this year.”

Die Strominvestitionen haben sich zwar in Richtung erneuerbare Energien, Netze und Flexibilität verschoben. Dennoch gingen die Investitionen in erneuerbare Energien im Jahr 2017 um 7% zurück, dies trotz Rekordausgaben für Photovoltaik. Nur teilweise sei dieser Rückgang mit niedrigeren Gestehungskosten zu erklären, kommentiert Michael Waldron, ein Analyst der Agentur. Zudem, so heisst es im Bericht, sank die erwartete Produktion aus CO2-armen Strominvestitionen im Jahr 2017 um 10% und konnte nicht mit dem Nachfragewachstum Schritt halten. Erstmals seit 2014 ist der Anteil der Investments in fossile Brennstoffe wieder gestiegen.

China führt mit einem Anteil von 20 % der weltweiten Energieinvestitionen das Länderranking an. Ein gutes Zeichen ist, dass in China die Investments zunehmend durch kohlenstoffarme Stromversorgung und -netze sowie Energieeffizienz getrieben werden. Die Investitionen in neue Kohlekraftwerke im Jahr 2017 gingen in China um 55 Prozent zurück. Die USA konnten sich dank deutlicher Erholung der Ausgaben im Upstream Öl- und Gassektor (hauptsächlich aus Ölschiefer) sowie Gaskraftwerken und Stromnetzen auf dem zweiten Platz konsolidieren. Europa hielt sich aufgrund erhöhter Ausgaben für Energieeffizienz und einem bescheidenen Anstieg der Investitionen in erneuerbare Energien auf dem dritten Platz. Weltweit geht es übrigens um 1.8 Billionen USD, die 2017 investiert wurden.

Gerade mit Blick auf China schätzt die IEA die Aussichten für das laufende Jahr schlecht ein. Auch 2018 sei mit ähnlich niedrigen Investitionen in Ökoenergien zu rechnen, fürchtet sie. Denn China war 2017 für rund 45 Prozent aller weltweiten Solar-Investitionen verantwortlich. Nun hat das Land seine Solarförderung stark zurückgefahren: Seit Juni werden gewerbliche PV-Anlagen nicht mehr bezuschusst. Ohne solche Förderungen, so die IEA, läuft im Energiesektor fast gar nichts mehr – weder bei den erneuerbaren noch bei den fossilen.

Überhaupt ist das Energiegeschäft immer stärker von staatlichen Investitionen abhängig. Auch bei privaten Investitionen spielt der Staat eine wichtige Rolle (z.B. durch Vergütungsverträge, Förderungen oder Standards für Energieeffizienz).

Einen Lichtblick gibt es doch. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung kohlenstoffarmer Technologien nehmen langsam zu, bleiben aber auf niedrigem Niveau, wie die Abbildung zeigt:

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In der deutschsprachigen Presse fand der Bericht leider kaum Beachtung. Den Hinweis erhielt ich über eine Randnotiz im Economist. Vermutlich ist es draussen einfach zu heiss oder laute Leute drängen sich in den Meldungen vor.

Hier geht es zum vollständigen Report: https://webstore.iea.org/world-energy-investment-20180001493_world-energy-investment-2018_550

 

 

 

 

 

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 24. Juli 2018

 

 

 

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Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie

Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. Das verspricht die britische Ökonomin Kate Raworth im Untertitel ihres Buches über die Donut-Ökonomie. Anna und ich haben gemeinsam mit Marco und Ulrich das Buch als Wirtschaftsliterarisches Quartett im Podcast bei den Mikroökonomen besprochen. Hört mal rein! Es ist länger geworden, als gedacht, denn Raworth’s Buch lädt generell zum Nachdenken über die grossen Themen der Wirtschaft ein: Wachstum, Verteilungsgerechtigkeit, Geld.

Für alle Interessierten gibt’s hier im Blog eine schriftliche Übersicht der Kernsaussagen des Buches.

Kate Raworth stellt auf über 350 Seiten vor, woran die bisherige Wirtschaftswissenschaft gescheitert ist und an welchen Werten sie sich zukünftig orientieren sollte, wenn Ökonomie und Ökologie zum Ausgleich gebracht werden sollen. Dazu entwirft sie das Bild des Donuts, das dem Buch auch den Titel gibt:

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Wofür steht der Donut?

Er steht für

eine Zukunft, in der die Bedürfnisse jedes Menschen befriedigt werden, während zugleich die lebendige Welt geschützt wird, von der wir alle abhängig sind (S. 60, Hardcover-Ausgabe)

Die innere Kreislinie des Donuts bezeichnet dabei das gesellschaftliche Fundament, das die primären Bedürfnisse, wie Nahrung, Bildung und Wohnen, sicherstellt. Das Loch des Donuts steht also für den Fall, dass es hinsichtlich dieser Grundbedürfnisse zu Defiziten kommt (Leben unterhalb des Existenzminimums). Die äussere Kreislinie des Donuts bildet die ökologische Decke, die wir Menschen der Umwelt zumuten dürfen. Wird diese Kreislinie aufgrund wirtschaftlicher Aktivitäten nach aussen gedrückt, kommt es zu ökologischen Spannungen, die die Erde in Gefahr bringen. Dazu zählen etwa der Klimawandel, die Abnahme der Biodiversität oder die Versauerung der Meere. Raworth nennt insgesamt neun ökologische Fundamentalrisiken. Der Raum zwischen beiden Kreislinien, der Donut, bildet den idealen Raum, indem sich menschliche Aktivität und Wohlergehen des Planeten im dynamischen Gleichgewicht befinden.

7 Denkansätze, wie dieser Donut-Zustand entstehen kann

Raworth gliedert ihr Buch nach 7 Denkansätzen, damit die Menschheit in diesen Donut-Zustand kommt. In diesen fordert sie, was sich in der heutigen Ökonomie ändern muss. Ich stelle die einzelnen Punkte hier unkommentiert vor (S. 40-41 der Hardcover-Ausgabe zeigt einen tabellarischen Überblick, den ich aus Copyright-Gründen hier nicht einbinden kann).

  1. Das Ziel ändern: Anstelle des BIP eine Vielzahl von Messkriterien entwickeln, die den Zustand des Donuts widerspiegeln (diese befinden sich im Anhang des Buches, S. 357-364)
  2. Das Gesamtbild erfassen: die einfachen Marktmodelle der ersten Studiensemester erweitern (z.B. exogene Faktoren), um die Verflechtung von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft sichtbar zu machen
  3. Die menschliche Natur pflegen und fördern: den homo oeconomicus der ersten Semester durch das vollständigere Bild eines sozial anpassungsfähigen Menschen ersetzen.
  4. Den Umgang mit Systemen lernen: Mechanische Gleichgewichtsmodelle durch dynamisches Komplexitätsdenken ersetzen
  5. Auf Verteilungsgerechtigkeit zielen: Verteilungsgerechtigkeit nicht dem Wachstum überlassen (≈ Kuznets-Kurve), sondern als Ziel wirtschaftlichen Handelns aktiv anstreben
  6. Eine regenerative Ausrichtung fördern: Umweltschutz nicht dem Wachstum überlassen (≈ ökologische Kuznets-Kurve), sondern Ressourcenschonung und Wiederverwendung ebenfalls von vorneherein als aktives Ziel anstreben
  7. Eine agnostische Haltung zum Wachstum einnehmen: Raworth ist eine Postgrowth-Vertreterin.

Weitere Links zu Raworth und der pluralen Ökonomik gibt es bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 02. Juli 2018 (Update nach der Aufnahme am 09. Juli 2008)

 

 

 

Lesetipp: Mehr Nachhaltigkeit durch künstliche Intelligenz

Gerade habe ich eines der wenigen Interviews auf Deutsch von Joanna Bryson gelesen. Ich kenne Joanna, weil wir beide im Ethics Advisory Board bei Mindfire sind. Sie ist Informatik-Professorin an der University in Bath. Ich kenne wenige Menschen, die in ähnlicher Weise transdisziplinär denken und arbeiten können. Deshalb meint sie denn auch:

Wir brauchen massive Verbesserungen in den Volkswirtschaften, massive Innovationen in den Regierungsstrukturen und den internationalen Beziehungen, und wir brauchen echte Fortschritte in den Humanwissenschaften, um den Menschen zu helfen, mit der ziemlich seltsamen Erkenntnis zurechtzukommen, dass wir nicht einzigartig sind.

Um dorthin zu gelangen,  braucht es mehr Transparenz und Aufklärung, damit die Menschen ihre Angst vor zu viel Einfluss der Maschinen verlieren, meint sie. Die Maschinen seien zwar auf bestimmten Gebieten auf Höchstleistungen programmiert. Künstliche Intelligenzen werden aber nie die Persönlichkeit des Menschen annehmen können. Deshalb ist es ihr auch ein grosses Anliegen, dass Maschinen keine Rechtspersönlichkeit erhalten. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, mit realen Personen zusammenzuarbeiten und die Maschinen als Mittel für unsere Zwecke nutzen. Dann könne man besser an den grossen Herausforderungen der gegenwärtigen Gesellschaften arbeiten.

Das Interview ist komplett im Buch Neue Allianzen von Elisabeth Hartung nachzulesen:

Joanna Bryson_Auszug aus Elisabeth Hartung (Hrsg)_NEUE ALLIANZEN

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 08. Mai 2018

 

Für einmal rechtzeitig das Richtige tun

Das Pariser Klimaabkommen und verschiedene internationale Initiativen wollen den Finanzsektor in den Kampf gegen den Klimawandel einbinden. Der Bundesrat hat es damit aber nicht eilig. Die Schweiz hat die Wahl: abwarten und schauen, was passiert – oder pro-aktiv das Richtige tun.   

Letzte Woche haben im Parlament die Beratungen zur Totalrevision des CO2-Gesetzes begonnen. Für den Schweizer Finanzplatz ist die Vorlage vor allem aus einem Grund interessant: Die linken Parteien fordern, dass auch die Finanzbranche ihren Teil zum Kampf gegen den Klimawandel beiträgt.

Die Forderung gründet sich auf das Pariser Klimaabkommen von 2015. Der Einbezug des Finanzsektors in den Kampf gegen den Klimawandel ist nicht etwa nur eine Massnahme unter vielen im Pariser Abkommen. Im Gegenteil: „Making finance flows consistent with a pathway towards low greenhouse gas emissions and climate-resilient development,“ ist eines der drei Ziele des Abkommens, wie sie in dessen Artikel 2 definiert sind.

Obwohl die Schweiz das Klimaabkommen unterzeichnet und ratifiziert hat, klammert der Bundesrat in seinem Vorschlag zum CO2-Gesetz den Finanzplatz aus. Die Kritik folgte auf dem Fusse: die SP verlangt Massnahmen für einen klimaverträglichen Finanzplatz und die Grünen wollen das Gesetz in dieser Form zurückweisen.

Am weitesten geht der WWF, der schon im Dezember verlauten lies, dass für ihn „klimafreundliches Investieren und Anlegen zunehmend zur treuhänderischen Sorgfaltspflicht gehört.“

Die Schweizer Banken täten gut daran, hier genau hinzuhören. Klimaschutz als Sorgfaltspflicht ist für die Branche, welche schon lange über zu viel Regulierung klagt, natürlich nicht gerade attraktiv. Aber genau so wenig attraktiv ist es, internationale Entwicklungen zuerst zu ignorieren, dann zu bekämpfen, und sie schlussendlich nachvollziehen zu müssen, ohne sie mitgestaltet zu haben.

Doch das wird passieren, wenn die Schweiz und die Schweizer Banken ihrem üblichen Muster folgen. Denn erstens ist der Einbezug des Finanzsektors in den Kampf gegen den Klimawandel seit dem Pariser Klimaabkommen eine internationale Norm. Diese ist zwar nicht rechtlich verbindlich, aber das war der G20-Beschluss zur Einführung des AIA auch nicht. Zweitens arbeiten verschiedene internationale Gremien (zum Beispiel die UNO und die Weltbank oder das Financial Stability Board) an der Konkretisierung von Nachhaltigkeitsprinzipien für den Finanzsektor. Und drittens hat die EU vor, Nachhaltigkeitskriterien in die Finanzmarktregulierung zu integrieren, zum Beispiel, indem diese Teil des Mandates der Aufsichtsbehörden werden.

Klimaschutz-Sorgfaltspflichten sind eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Dass man heute noch nicht genau sagen kann, ob es bis dahin noch 3 oder 7 Jahre dauert, ist egal. Und auch, was schlussendlich der Auslöser sein wird (internationale Regulierungstandards, EU-Äquivalenzerfordernis, politischer Druck aus dem Ausland), ist unerheblich.

Wichtig ist, dass die Schweiz und die Banken jetzt noch Zeit haben, den Trend zu erkennen und sich darauf einzustellen. Jetzt ist der Moment um die bestmöglichen (warum nicht gerade weltweit führenden?) Instrumente und Konzepte zu entwickeln, wie der Finanzsektor seinen Teil zum Klimaschutz beitragen kann.

Die Schweiz hat die Wahl für einmal rechtzeitig das Richtige zu tun. Oder, wie so oft, nichts falsch zu machen, abzuwarten und sich vom Lauf der Dinge überraschen zu lassen.

Peter Kaufmann (ptr_tweets ) ist Leiter Web und Social Media bei der Schweizerischen Bankiervereinigung, 14. April 2018

Zu Gast bei den Mikroökonomen: Was taugt die Blockchain?

Die Mikroökonomen haben mich mal wieder zu ihrem Podcast eingeladen. Wir haben über sozial sinnvolle Einsatzgebiete der Blockchain gesprochen. Gibt es die überhaupt? Anlass dazu war ein Artikel über „Digital Currencies and Blockchain in the Social Sector“ in der Stanford Social Innovation Review, den ich hier kritisch kommentiert hatte. Solche Gespräche bringen doch viel mehr […]

Blockchain: die Hyperrealisierung des Vertrauens

 

Ein Gastbeitrag von Claude Del Don

Vertrauen und Emotion

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“  – so titelte unlängst ein Artikel von Markus Diem Meier. Darin zeigt er auf, dass das in der volkswirtschaftlichen Einführungsliteratur propagierte Menschenbild des „Homo oeconomicus“ in der Realität des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens unrealistisch oder sogar schädlich wirkt. Wörtlich:

„Ein «Homo oeconomicus», wie er im Lehrbuch steht, schafft kein Vertrauen. Mit einer Person, die jede Gelegenheit wahrnimmt, um auf meine Kosten einen Vorteil für sich herauszuschlagen, wenn ich als Partner oder als Arbeitgeber ihn nicht überwachen und bestrafen kann (etwa über tiefere Zahlungen), gehe ich lieber keine Art von Beziehung ein.“

Schlussendlich sei es gerade jenes Element der menschlichen Natur, das den ökonomischen Theoretikern des „Homo oeconomicus“ am meisten entgegensteht: die Emotion. Die Wahrnehmung von Emotion im Gegenüber lässt gerade drauf schliessen, dass die kühl-rationale Nutzenmaximierung nicht das letzte Wort haben wird und lässt Vertrauen entstehen. Wiederum aus obigem Artikel:

„Wenn ich annehmen kann, dass jemand aus emotionalen Gründen – zum Beispiel wegen sonst plagender Schuldgefühle – nicht zum Betrügen in der Lage ist, selbst wenn er oder sie daraus einen Vorteil hätte und der Betrug verborgen bliebe, dann macht das eine ökonomische oder andere Beziehungen erst möglich.“

Hierbei handelt es sich nicht um eine Absage an die Vernunft, sondern an ein dezidiertes Menschenbild und zwar jenes von Thomas Hobbes: Der Mensch als des Menschen Wolf. Der „Homo oeconomicus“ beschreibt den Menschen als vernunftbegabtes Tier, welches aus Instinkt rational Nutzen maximiert oder wie eine von Instinkten getriebene Nutzenmaximierungsmaschine wirkt.

Dem wird ein alternatives Menschenbild entgegengesetzt, wo der niedere Instinkt auch durch höhere Emotionen ge- und übersteuert werden kann: Egoismus durch Selbstlosigkeit, Eigenliebe durch Nächstenliebe, Selbstsucht durch Mitgefühl etc. Die Vernunft spielt jedoch in beiden Fällen eine unumstritten wichtige Rolle. Nur äussert sie sich in der Realität nicht immer und nur kaltblütig oder egoistisch, sondern mitunter auch mitfühlend und selbstlos: Hier kann dann Vertrauen entstehen.

Finanzfirmen als Vermittler des Vertrauens

Nun ist es nicht immer möglich, das Gegenüber einzuschätzen, weil zeitliche oder räumliche Nähe fehlen. Hier treten dann Vertrauensvermittler auf. Dies sind Intermediäre, denen beide Parteien vertrauen und die das Geschäft für beide Seiten vermitteln und abwickeln. In der Finanzindustrie sind dies bis anhin die Banken, Börsen und Zentralbanken. Sie übernehmen das Risiko, dass das in das Gegenüber gesetzte Vertrauen fehl am Platz war und ein Schaden entsteht. Die Übernahme dieser verschiedenen Risiken und den Preis, den die Intermediäre (meist in Form von Eigenkapital) bezahlen müssen, wälzen sie in Form verschiedener Gebühren auf die Parteien über.  In diesem Sinne liesse sich formulieren, dass das Vertrauen, welches die Intermediäre zwischen Gegenparteien vermitteln, wie auch die Vermittlung selbst, einen gewissen Preis hat. Dies ist die inhärente Natur von Transaktionskosten, Depotgebühren, subscription fees u.a.

Blockchain als Ersatz für Vertrauen

Die Blockchaintechnologie verspricht nun, diesen Prozess der Vertrauensvermittlung und seine Kosten überflüssig zu machen, indem sie einerseits die Vermittler überflüssig macht und andererseits den Vertrauensbildungsprozess vom Menschen und seinen Emotionen loslöst und mittels Algorithmen mathematisiert:

Angenommen, Partei A möchte einen Wert an Partei B übertragen und Partei B soll für den Wert einen vereinbarten Preis bezahlen. Eine im Voraus vereinbarte Anzahl Parameter, die den Transfer in seiner Gänze zu beschreiben vermögen, wird in einem Datensatz zusammengefasst und von den Nutzern validiert. Bei einer Zahlung besteht der Datensatz zum Beispiel aus Empfänger- und Senderadresse, dem Betrag und einigen Metadaten, wie dem Zeitstempel. Diese Transaktion wird nun mit anderen Transaktionen in einem Block gemeinsam vorgehalten. Dessen Integrität wird auch wieder von den Nutzern gemeinsam validiert und freigegeben. Dieser Block reiht sich dann in eine Kette von Blöcken, die Blockchain, ein. Es handelt sich dabei um eine Folge von Blöcken, die jeweils Daten enthalten, die über einen errechneten Pointer mit dem nächsten Block verbunden sind. Durch diese Verknüpfung  der Blöcke miteinander würde eine nachträgliche Änderung der Daten sofort im Netzwerk auffliegen. Die Fälschungssicherheit ist also sehr hoch.

Vertrauen wird auch dahingehend überflüssig, weil die Blockchain dezentral gespeichert ist und all die Nutzer, die Transaktionen validieren können, die komplette Blockchain einsehen können. Es gibt keine zentrale Instanz, die alleine die Kontrolle über die Datenhaltung ausübt, wie das z.B. bei der Kontoverwaltung einer Bank der Fall ist.

Hyperrealität

Diese Loslösung des Vertrauens von den betroffenen Akteuren lässt den Hyperrealisierungsprozess Jean Baudrillards erahnen. Hyperrealität manifestiert sich laut Baudrillard in vier Phasen:

  1. Eine grundlegende Realität wird abgebildet
  2. Die grundlegende Realität wird maskiert und pervertiert
  3. Das Fehlen einer grundlegenden Realität wird maskiert
  4. Völlige Loslösung von jeglicher Realität à Hyperrealität

In der Ökonomie lässt sich dieser Prozess beispielsweise im Handel mit Derivaten feststellen:

  1. Handel auf dem Markt mit verschiedenen Produkten
  2. Derivative Produkte maskieren sowohl das eigentliche Produkt (Underlying) als auch dessen Risiko
  3. Derivate existieren insofern losgelöst von ihrem Underlying, als sie nicht mehr der Absicherung dienen, sondern der Spekulation
  4. Credit Default Swaps, Asset Backed Securities u.a. haben keinen Bezug mehr zum eigentlichen Zweck ihrer Underlyings, wie etwa Kredite für die Industrieproduktion

Blockchain als Hyperrealität des Vertrauens

Auf die Blockchaintechnologie übertragen, sieht der Prozess der Hyperrealisierung wie folgt aus:

  1. Handel mit Gütern, das Kreditwesen zwischen Personen (natürliche oder juristische) bilden Vertrauen ab.
  2. Verträge (bspw.: Kredite, Handel etc.) zwischen verschiedenen Personen maskieren das Vertrauen als Gelbetrag (Zinsen, Gebühren etc.).
  3. Die Interaktion mittels zentralen Intermediären lässt Vertrauen zwischen den direkten Gegenparteien überflüssig werden.
  4. Völlige Loslösung der Vertrauensfrage durch Blockchain.

Eingangs wurde dargelegt, wie das Theoriegebilde des „Homo oeconomicus“ an der Wirklichkeit des realen Menschen scheitert und dass dies im Hinblick auf den Vertrauensbildungsprozess auch gut sein kann. Die Blockchaintechnologie hat die Vertrauensbildung „algorithmiert“ und macht die Vertrauenswürdigkeit von (direkten wie auch dritten) Gegenparteien überflüssig. Dabei scheint sie nun aber den „Homo oeconomicus“ noch als Grundlage zu haben. Dies, da sie die Interaktion zwischen Subjekten (direkt oder indirekt über Intermediäre wie Banken, Zentralbanken, Börsen und Versicherungen) unnötig macht. Die Hauptmotivation dabei ist die Reduzierung der Kosten, die durch die Intermediäre entstehen. Die Nutzenmaximierung der einzelnen Teilnehmer steht also weiterhin im Vordergrund.

Nun verlangen Banken, Zentralbanken, Börsen und Versicherungen in Ihrer Funktion als Intermediäre bei Transaktionen, welche durch die Blockchaintechnologie ersetzt werden könnten, Ihre Gebühren nicht für die Dienstleistung als solcher, sondern eher im Sinne einer Risikogebühr, falls das vermittelte Vertrauen nicht gerechtfertigt ist. Dieser Risikotransfer auf die Intermediäre würde mit dem Wegfallen der Gebühren ebenfalls eingespart werden und die Teilnehmer an einer Blockchain würden die Risiken direkt tragen, ohne durch Mechanismen, wie Einleger- oder Anlegerschutzgesetze, abgesichert zu sein. Einzig ein unfehlbarer Blockchain-Algorithmus würde diesen Risikotransfer, wie er von den intermediären Drittparteien geleistet wird, übernehmen können. Unfehlbarkeit ist jedoch ein Attribut, welches nichts, das von Menschen gemacht ist, für sich in Anspruch nehmen sollte und kann.

 

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär, Zürich, 29. Januar 2018

Kryptowährungen und Blockchain für die Sozialwirtschaft

Die Londoner Firma Everledger verwaltet inzwischen mehr als anderthalb Millionen Diamanten auf ihrem Blockchain Ledger, d.h. für jeden echten Diamanten gibt es einen digitalen Zwilling, der genaue Angaben über Karatzahl, die Farbe, Zertifikate und Herkunft des Edelsteins enthält. Damit wird die Lieferkette fälschungssicher transparent gemacht. Wer einen Trauring mit einem Diamantensplitter aus dem Everledger gekauft hat, kann sicher gehen, dass er keinen Blutdiamanten  am Finger trägt. Das ist nicht nur ein Luxusproblem, denn wer kann sich schon Diamanten leisten? Eine transparente Lieferkette dieser Konfliktrohstoffe kann nicht direkt Menschenrechtsverletzungen verhindern, aber sie hilft, solche Händler auszuschliessen, die diese Transparenz nicht leisten wollen. Everledger ist  ein erfolgreiches Beispiel für den sozial sinnvollen Einsatz der Blockchain-Technologie.

Die beiden Berater David Lehr & Paul Lamb haben in der aktuellen Ausgabe der Stanford Social Innovation Review  mehrere Einsatzbereiche der Sozialwirtschaft aufgelistet, in denen Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie so genutzt werden, dass sie eine positive soziale Wirkung erzielen. Dazu zählen sie:

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