Lesetipp: Mehr Nachhaltigkeit durch künstliche Intelligenz

Gerade habe ich eines der wenigen Interviews auf Deutsch von Joanna Bryson gelesen. Ich kenne Joanna, weil wir beide im Ethics Advisory Board bei Mindfire sind. Sie ist Informatik-Professorin an der University in Bath. Ich kenne wenige Menschen, die in ähnlicher Weise transdisziplinär denken und arbeiten können. Deshalb meint sie denn auch:

Wir brauchen massive Verbesserungen in den Volkswirtschaften, massive Innovationen in den Regierungsstrukturen und den internationalen Beziehungen, und wir brauchen echte Fortschritte in den Humanwissenschaften, um den Menschen zu helfen, mit der ziemlich seltsamen Erkenntnis zurechtzukommen, dass wir nicht einzigartig sind.

Um dorthin zu gelangen,  braucht es mehr Transparenz und Aufklärung, damit die Menschen ihre Angst vor zu viel Einfluss der Maschinen verlieren, meint sie. Die Maschinen seien zwar auf bestimmten Gebieten auf Höchstleistungen programmiert. Künstliche Intelligenzen werden aber nie die Persönlichkeit des Menschen annehmen können. Deshalb ist es ihr auch ein grosses Anliegen, dass Maschinen keine Rechtspersönlichkeit erhalten. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, mit realen Personen zusammenzuarbeiten und die Maschinen als Mittel für unsere Zwecke nutzen. Dann könne man besser an den grossen Herausforderungen der gegenwärtigen Gesellschaften arbeiten.

Das Interview ist komplett im Buch Neue Allianzen von Elisabeth Hartung nachzulesen:

Joanna Bryson_Auszug aus Elisabeth Hartung (Hrsg)_NEUE ALLIANZEN

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 08. Mai 2018

 

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Für einmal rechtzeitig das Richtige tun

Das Pariser Klimaabkommen und verschiedene internationale Initiativen wollen den Finanzsektor in den Kampf gegen den Klimawandel einbinden. Der Bundesrat hat es damit aber nicht eilig. Die Schweiz hat die Wahl: abwarten und schauen, was passiert – oder pro-aktiv das Richtige tun.   

Letzte Woche haben im Parlament die Beratungen zur Totalrevision des CO2-Gesetzes begonnen. Für den Schweizer Finanzplatz ist die Vorlage vor allem aus einem Grund interessant: Die linken Parteien fordern, dass auch die Finanzbranche ihren Teil zum Kampf gegen den Klimawandel beiträgt.

Die Forderung gründet sich auf das Pariser Klimaabkommen von 2015. Der Einbezug des Finanzsektors in den Kampf gegen den Klimawandel ist nicht etwa nur eine Massnahme unter vielen im Pariser Abkommen. Im Gegenteil: „Making finance flows consistent with a pathway towards low greenhouse gas emissions and climate-resilient development,“ ist eines der drei Ziele des Abkommens, wie sie in dessen Artikel 2 definiert sind.

Obwohl die Schweiz das Klimaabkommen unterzeichnet und ratifiziert hat, klammert der Bundesrat in seinem Vorschlag zum CO2-Gesetz den Finanzplatz aus. Die Kritik folgte auf dem Fusse: die SP verlangt Massnahmen für einen klimaverträglichen Finanzplatz und die Grünen wollen das Gesetz in dieser Form zurückweisen.

Am weitesten geht der WWF, der schon im Dezember verlauten lies, dass für ihn „klimafreundliches Investieren und Anlegen zunehmend zur treuhänderischen Sorgfaltspflicht gehört.“

Die Schweizer Banken täten gut daran, hier genau hinzuhören. Klimaschutz als Sorgfaltspflicht ist für die Branche, welche schon lange über zu viel Regulierung klagt, natürlich nicht gerade attraktiv. Aber genau so wenig attraktiv ist es, internationale Entwicklungen zuerst zu ignorieren, dann zu bekämpfen, und sie schlussendlich nachvollziehen zu müssen, ohne sie mitgestaltet zu haben.

Doch das wird passieren, wenn die Schweiz und die Schweizer Banken ihrem üblichen Muster folgen. Denn erstens ist der Einbezug des Finanzsektors in den Kampf gegen den Klimawandel seit dem Pariser Klimaabkommen eine internationale Norm. Diese ist zwar nicht rechtlich verbindlich, aber das war der G20-Beschluss zur Einführung des AIA auch nicht. Zweitens arbeiten verschiedene internationale Gremien (zum Beispiel die UNO und die Weltbank oder das Financial Stability Board) an der Konkretisierung von Nachhaltigkeitsprinzipien für den Finanzsektor. Und drittens hat die EU vor, Nachhaltigkeitskriterien in die Finanzmarktregulierung zu integrieren, zum Beispiel, indem diese Teil des Mandates der Aufsichtsbehörden werden.

Klimaschutz-Sorgfaltspflichten sind eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Dass man heute noch nicht genau sagen kann, ob es bis dahin noch 3 oder 7 Jahre dauert, ist egal. Und auch, was schlussendlich der Auslöser sein wird (internationale Regulierungstandards, EU-Äquivalenzerfordernis, politischer Druck aus dem Ausland), ist unerheblich.

Wichtig ist, dass die Schweiz und die Banken jetzt noch Zeit haben, den Trend zu erkennen und sich darauf einzustellen. Jetzt ist der Moment um die bestmöglichen (warum nicht gerade weltweit führenden?) Instrumente und Konzepte zu entwickeln, wie der Finanzsektor seinen Teil zum Klimaschutz beitragen kann.

Die Schweiz hat die Wahl für einmal rechtzeitig das Richtige zu tun. Oder, wie so oft, nichts falsch zu machen, abzuwarten und sich vom Lauf der Dinge überraschen zu lassen.

Peter Kaufmann (ptr_tweets ) ist Leiter Web und Social Media bei der Schweizerischen Bankiervereinigung, 14. April 2018

Zu Gast bei den Mikroökonomen: Was taugt die Blockchain?

Die Mikroökonomen haben mich mal wieder zu ihrem Podcast eingeladen. Wir haben über sozial sinnvolle Einsatzgebiete der Blockchain gesprochen. Gibt es die überhaupt? Anlass dazu war ein Artikel über „Digital Currencies and Blockchain in the Social Sector“ in der Stanford Social Innovation Review, den ich hier kritisch kommentiert hatte. Solche Gespräche bringen doch viel mehr […]

Blockchain: die Hyperrealisierung des Vertrauens

 

Ein Gastbeitrag von Claude Del Don

Vertrauen und Emotion

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“  – so titelte unlängst ein Artikel von Markus Diem Meier. Darin zeigt er auf, dass das in der volkswirtschaftlichen Einführungsliteratur propagierte Menschenbild des „Homo oeconomicus“ in der Realität des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens unrealistisch oder sogar schädlich wirkt. Wörtlich:

„Ein «Homo oeconomicus», wie er im Lehrbuch steht, schafft kein Vertrauen. Mit einer Person, die jede Gelegenheit wahrnimmt, um auf meine Kosten einen Vorteil für sich herauszuschlagen, wenn ich als Partner oder als Arbeitgeber ihn nicht überwachen und bestrafen kann (etwa über tiefere Zahlungen), gehe ich lieber keine Art von Beziehung ein.“

Schlussendlich sei es gerade jenes Element der menschlichen Natur, das den ökonomischen Theoretikern des „Homo oeconomicus“ am meisten entgegensteht: die Emotion. Die Wahrnehmung von Emotion im Gegenüber lässt gerade drauf schliessen, dass die kühl-rationale Nutzenmaximierung nicht das letzte Wort haben wird und lässt Vertrauen entstehen. Wiederum aus obigem Artikel:

„Wenn ich annehmen kann, dass jemand aus emotionalen Gründen – zum Beispiel wegen sonst plagender Schuldgefühle – nicht zum Betrügen in der Lage ist, selbst wenn er oder sie daraus einen Vorteil hätte und der Betrug verborgen bliebe, dann macht das eine ökonomische oder andere Beziehungen erst möglich.“

Hierbei handelt es sich nicht um eine Absage an die Vernunft, sondern an ein dezidiertes Menschenbild und zwar jenes von Thomas Hobbes: Der Mensch als des Menschen Wolf. Der „Homo oeconomicus“ beschreibt den Menschen als vernunftbegabtes Tier, welches aus Instinkt rational Nutzen maximiert oder wie eine von Instinkten getriebene Nutzenmaximierungsmaschine wirkt.

Dem wird ein alternatives Menschenbild entgegengesetzt, wo der niedere Instinkt auch durch höhere Emotionen ge- und übersteuert werden kann: Egoismus durch Selbstlosigkeit, Eigenliebe durch Nächstenliebe, Selbstsucht durch Mitgefühl etc. Die Vernunft spielt jedoch in beiden Fällen eine unumstritten wichtige Rolle. Nur äussert sie sich in der Realität nicht immer und nur kaltblütig oder egoistisch, sondern mitunter auch mitfühlend und selbstlos: Hier kann dann Vertrauen entstehen.

Finanzfirmen als Vermittler des Vertrauens

Nun ist es nicht immer möglich, das Gegenüber einzuschätzen, weil zeitliche oder räumliche Nähe fehlen. Hier treten dann Vertrauensvermittler auf. Dies sind Intermediäre, denen beide Parteien vertrauen und die das Geschäft für beide Seiten vermitteln und abwickeln. In der Finanzindustrie sind dies bis anhin die Banken, Börsen und Zentralbanken. Sie übernehmen das Risiko, dass das in das Gegenüber gesetzte Vertrauen fehl am Platz war und ein Schaden entsteht. Die Übernahme dieser verschiedenen Risiken und den Preis, den die Intermediäre (meist in Form von Eigenkapital) bezahlen müssen, wälzen sie in Form verschiedener Gebühren auf die Parteien über.  In diesem Sinne liesse sich formulieren, dass das Vertrauen, welches die Intermediäre zwischen Gegenparteien vermitteln, wie auch die Vermittlung selbst, einen gewissen Preis hat. Dies ist die inhärente Natur von Transaktionskosten, Depotgebühren, subscription fees u.a.

Blockchain als Ersatz für Vertrauen

Die Blockchaintechnologie verspricht nun, diesen Prozess der Vertrauensvermittlung und seine Kosten überflüssig zu machen, indem sie einerseits die Vermittler überflüssig macht und andererseits den Vertrauensbildungsprozess vom Menschen und seinen Emotionen loslöst und mittels Algorithmen mathematisiert:

Angenommen, Partei A möchte einen Wert an Partei B übertragen und Partei B soll für den Wert einen vereinbarten Preis bezahlen. Eine im Voraus vereinbarte Anzahl Parameter, die den Transfer in seiner Gänze zu beschreiben vermögen, wird in einem Datensatz zusammengefasst und von den Nutzern validiert. Bei einer Zahlung besteht der Datensatz zum Beispiel aus Empfänger- und Senderadresse, dem Betrag und einigen Metadaten, wie dem Zeitstempel. Diese Transaktion wird nun mit anderen Transaktionen in einem Block gemeinsam vorgehalten. Dessen Integrität wird auch wieder von den Nutzern gemeinsam validiert und freigegeben. Dieser Block reiht sich dann in eine Kette von Blöcken, die Blockchain, ein. Es handelt sich dabei um eine Folge von Blöcken, die jeweils Daten enthalten, die über einen errechneten Pointer mit dem nächsten Block verbunden sind. Durch diese Verknüpfung  der Blöcke miteinander würde eine nachträgliche Änderung der Daten sofort im Netzwerk auffliegen. Die Fälschungssicherheit ist also sehr hoch.

Vertrauen wird auch dahingehend überflüssig, weil die Blockchain dezentral gespeichert ist und all die Nutzer, die Transaktionen validieren können, die komplette Blockchain einsehen können. Es gibt keine zentrale Instanz, die alleine die Kontrolle über die Datenhaltung ausübt, wie das z.B. bei der Kontoverwaltung einer Bank der Fall ist.

Hyperrealität

Diese Loslösung des Vertrauens von den betroffenen Akteuren lässt den Hyperrealisierungsprozess Jean Baudrillards erahnen. Hyperrealität manifestiert sich laut Baudrillard in vier Phasen:

  1. Eine grundlegende Realität wird abgebildet
  2. Die grundlegende Realität wird maskiert und pervertiert
  3. Das Fehlen einer grundlegenden Realität wird maskiert
  4. Völlige Loslösung von jeglicher Realität à Hyperrealität

In der Ökonomie lässt sich dieser Prozess beispielsweise im Handel mit Derivaten feststellen:

  1. Handel auf dem Markt mit verschiedenen Produkten
  2. Derivative Produkte maskieren sowohl das eigentliche Produkt (Underlying) als auch dessen Risiko
  3. Derivate existieren insofern losgelöst von ihrem Underlying, als sie nicht mehr der Absicherung dienen, sondern der Spekulation
  4. Credit Default Swaps, Asset Backed Securities u.a. haben keinen Bezug mehr zum eigentlichen Zweck ihrer Underlyings, wie etwa Kredite für die Industrieproduktion

Blockchain als Hyperrealität des Vertrauens

Auf die Blockchaintechnologie übertragen, sieht der Prozess der Hyperrealisierung wie folgt aus:

  1. Handel mit Gütern, das Kreditwesen zwischen Personen (natürliche oder juristische) bilden Vertrauen ab.
  2. Verträge (bspw.: Kredite, Handel etc.) zwischen verschiedenen Personen maskieren das Vertrauen als Gelbetrag (Zinsen, Gebühren etc.).
  3. Die Interaktion mittels zentralen Intermediären lässt Vertrauen zwischen den direkten Gegenparteien überflüssig werden.
  4. Völlige Loslösung der Vertrauensfrage durch Blockchain.

Eingangs wurde dargelegt, wie das Theoriegebilde des „Homo oeconomicus“ an der Wirklichkeit des realen Menschen scheitert und dass dies im Hinblick auf den Vertrauensbildungsprozess auch gut sein kann. Die Blockchaintechnologie hat die Vertrauensbildung „algorithmiert“ und macht die Vertrauenswürdigkeit von (direkten wie auch dritten) Gegenparteien überflüssig. Dabei scheint sie nun aber den „Homo oeconomicus“ noch als Grundlage zu haben. Dies, da sie die Interaktion zwischen Subjekten (direkt oder indirekt über Intermediäre wie Banken, Zentralbanken, Börsen und Versicherungen) unnötig macht. Die Hauptmotivation dabei ist die Reduzierung der Kosten, die durch die Intermediäre entstehen. Die Nutzenmaximierung der einzelnen Teilnehmer steht also weiterhin im Vordergrund.

Nun verlangen Banken, Zentralbanken, Börsen und Versicherungen in Ihrer Funktion als Intermediäre bei Transaktionen, welche durch die Blockchaintechnologie ersetzt werden könnten, Ihre Gebühren nicht für die Dienstleistung als solcher, sondern eher im Sinne einer Risikogebühr, falls das vermittelte Vertrauen nicht gerechtfertigt ist. Dieser Risikotransfer auf die Intermediäre würde mit dem Wegfallen der Gebühren ebenfalls eingespart werden und die Teilnehmer an einer Blockchain würden die Risiken direkt tragen, ohne durch Mechanismen, wie Einleger- oder Anlegerschutzgesetze, abgesichert zu sein. Einzig ein unfehlbarer Blockchain-Algorithmus würde diesen Risikotransfer, wie er von den intermediären Drittparteien geleistet wird, übernehmen können. Unfehlbarkeit ist jedoch ein Attribut, welches nichts, das von Menschen gemacht ist, für sich in Anspruch nehmen sollte und kann.

 

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär, Zürich, 29. Januar 2018

Kryptowährungen und Blockchain für die Sozialwirtschaft

Die Londoner Firma Everledger verwaltet inzwischen mehr als anderthalb Millionen Diamanten auf ihrem Blockchain Ledger, d.h. für jeden echten Diamanten gibt es einen digitalen Zwilling, der genaue Angaben über Karatzahl, die Farbe, Zertifikate und Herkunft des Edelsteins enthält. Damit wird die Lieferkette fälschungssicher transparent gemacht. Wer einen Trauring mit einem Diamantensplitter aus dem Everledger gekauft hat, kann sicher gehen, dass er keinen Blutdiamanten  am Finger trägt. Das ist nicht nur ein Luxusproblem, denn wer kann sich schon Diamanten leisten? Eine transparente Lieferkette dieser Konfliktrohstoffe kann nicht direkt Menschenrechtsverletzungen verhindern, aber sie hilft, solche Händler auszuschliessen, die diese Transparenz nicht leisten wollen. Everledger ist  ein erfolgreiches Beispiel für den sozial sinnvollen Einsatz der Blockchain-Technologie.

Die beiden Berater David Lehr & Paul Lamb haben in der aktuellen Ausgabe der Stanford Social Innovation Review  mehrere Einsatzbereiche der Sozialwirtschaft aufgelistet, in denen Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie so genutzt werden, dass sie eine positive soziale Wirkung erzielen. Dazu zählen sie:

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Der langsame Abschied vom Shareholder-Value-Kult

„Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, und zwar sowohl öffentliche als auch private, einem sozialen Zweck dienen“, schrieb BlackRock-CEO Larry Fink in einem Schreiben am Dienstag. Es ging, so berichtete die New York Times, an die CEOs aller grossen Firmen, an denen BlackRock Anteile hält. Und das sind nicht wenige, denn BlackRock ist mit einer Anlagesumme von 6.3 Mrd. Dollar der grösste Vermögensverwalter der Welt.

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In Finks Brief heisst es unter anderem:

„Without a sense of purpose, no company, either public or private, can achieve its full potential. It will ultimately lose the license to operate from key stakeholders. It will succumb to short-term pressures to distribute earnings, and, in the process, sacrifice investments in employee development, innovation, and capital expenditures that are necessary for long-term growth. It will remain exposed to activist campaigns that articulate a clearer goal, even if that goal serves only the shortest and narrowest of objectives. And ultimately, that company will provide subpar returns to the investors who depend on it to finance their retirement, home purchases, or higher education.“ /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Social Corporate Responsibility soll also nicht mehr nur ein bunter Marketing-Gag sein, indem eine Firma berichtet, wie toll ihre Frauenförderprogramme sind, dass die Mitarbeiter an einem Freiwilligen-Tag Bäumchen pflanzen und dass selbstverständlich jede Flugmeile CO2-kompensiert wird. Verantwortung für die Gesellschaft heisst, Antworten auf die Fragen, die diese Gesellschaft umtreiben, zu finden. Denn damit ist dann auch langfristig Geld zu verdienen.

Companies must ask themselves: What role do we play in the community? How are we managing our impact on the environment? Are we working to create a diverse workforce? Are we adapting to technological change? Are we providing the retraining and opportunities that our employees and our business will need to adjust to an increasingly automated world? Are we using behavioral finance and other tools to prepare workers for retirement, so that they invest in a way that that will help them achieve their goals? /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Es wird Zeit für eine solche Neuausrichtung der Unternehmenswelt und ich bin gespannt, wie die Reaktion auf diese Ankündigung sein wird.

Interessant finde ich diesen Brief zum jetzigen Zeitpunkt vor allem aus zwei Gründen:

Zum einen spielt BlackRock, einer der ganz grossen Player an der Wall Street, mit diesem Vorstoss das progressive Silicon Valley mal locker an die Wand. Während es in Palo Alto früher gerne hiess, dass jede neue App dazu diene, die Welt ein wenig besser zu machen, erhielten die Tech-Konzerne im letzten Jahr sehr viel Gegenwind. Plötzlich hörte man den Ausspruch „Make this world a better place“ nur noch als ironische Replik in der Sitcom „Silicon Valley“. Das hat teils damit zu tun, dass die grossen Firmen (und Behörden) durch ihre Datenanalysen die Ungleichheit in der Gesellschaft  verstärken könnten.  Das hat auch viel mit der Polarisierung von Meinungen durch Manipulationen der User-Feeds zu tun. Die geschmacklosen Geschichten über weltfremde und frauenfeindliche Kapitalgeber haben den Eindruck eines fehlenden moralischen Kompasses noch gestärkt – da fehlen oft kritische Boards, die die Geschäftsleitungen ausreichend beraten und kontrollieren. Ohne gut funktionierende und engagierte Boards gibt es keine solide Unternehmensentwicklung, so die Philosophie von BlackRock.

Bei BlackRock kommt denn der Brief nicht von ungefähr. Die Firma ist Gründungsmitglied bei FCLT Global. Der Name steht für Focusing Capital on the Long Term und entspricht dem Anlagecredo eines Vermögensverwalters, dessen Kunden vor allem auf eine langfristige Wertentwicklung angewiesen sind. Das unterscheidet BlackRock auch von anderen „aktivistischen Aktionären“.  Eine konsequente Ausrichtung der Unternehmen auf eine solch langfristige Wertentwicklung würde auch eines der pet projects der Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley, die Longterm-Stock Exchange, überflüssig machen.

Zum zweiten nennt der Brief die derzeitige Handlungsschwäche vieler Staaten als Grund, Druck auf die Unternehmen auszuüben:

We also see many governments failing to prepare for the future, on issues ranging from retirement and infrastructure to automation and worker retraining. As a result, society increasingly is turning to the private sector and asking that companies respond to broader societal challenges. /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Das ist schon eine harte Aussage. Wenn der Staat es nicht richten kann, müssen die Unternehmen in die Bresche springen. Das ist Kapitalismus pur. Und stellt die Frage nach der demokratischen Verantwortung und wie die funktionieren soll, wenn Unternehmen und nicht mehr gewählte Vertreter strategische Entscheidungen für eine Gesellschaft treffen und diese auch kontrollieren.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Januar 2018

 

Finanzideen, die der Gesellschaft nützen

Wer die Nachrichten um das allerneueste Kryptoderivat oder den coolsten Token Sale liest, der kommt schnell zum Schluss, da geht’s um schnelle Geld. Dieser Hype ums Spekulativ-Finanzielle ging auch Ethereum-Gründer Vitalik Buterin zu weit:

Doch es gibt trotz oder gerade wegen des Krypto-Hypes durchaus Versuche, neue finanzielle Gestaltungsmöglichkeiten und Gemeinwohl miteinander in Einklang zu bringen. Seit 2016 haben sich beispielsweise in Berlin bereits viermal Experten aus Banken und Fintech-Unternehmen sowie anderen Interessierten im Meet-up „Conscious Fintech“ getroffen. Bei den Meetings ging es darum, sich mit den sozialen und ökologischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich aus dem Einsatz der neuen Finanztechnologien ergeben. Initiiert wurde die Event-Reihe von Sanika Hufeland, Geschäftsführerin beim Institute for Social Banking. Als Mitveranstalter firmieren neben dem Institute for Social Banking (ISB) das Fair Finance Institute, Pola Vayner (Founder GreenClick), Ludwig Schuster (Sustainable Money Working Group), Konstantin Wolf (Zebralog) sowie der Impact Hub Berlin.

Beim letzten Meeting, an dem etwa 60 Personen teilnahmen, wurden –  als erstes Ergebnis aus den Treffen – sechs Prinzipien erarbeitet und verabschiedet. Diese enthalten die ethischen Eckpunkte, die Fintech-Unternehmen, aber auch werteorientierte Banken beim Aufbau ihrer Geschäftsmodelle befolgen sollten, wenn sie einen positiven sozialen und ökologischen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen wollen.

Hier sind sie:

Ökologischer und sozialer Impact

Fintech-Innovationen sollen als soziale, nicht nur technische oder finanzielle Innovationen betrachtet werden. Die Schaffung einer positiven Wirkung sollte ein Kernelement und nicht nur ein Nebenprodukt sein: Innovative Technologien können nämlich eine Hebelwirkung in ökologischer und sozialer Hinsicht haben. Alle Aspekte einer echten Nachhaltigkeit sollen berücksichtigt werden.

Verbesserung der finanziellen Resilienz

Conscious Fintechs sollen darauf hinarbeiten, die Krisenanfälligkeit unseres Finanzsystems zu verringern.  Sie können für eine faire Allokation von Risiken und Erträgen sorgen. Conscious Fintechs lenken Geld dorthin, wo es am dringendsten gebraucht wird: zur Finanzierung der guten (realen) Wirtschaft und zur Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele.

Fokus auf Menschen- und Stakeholder

Conscious Fintechs reflektieren die Bedürfnisse und Interessen der Menschen.
Sie stellen finanzielle Instrumente für die Zusammenarbeit und den sozialen Zusammenhalt bereit, um wirtschaftliche Beziehungen zu fördern, die für ein friedliches menschliches Zusammenleben unerlässlich sind. Conscious Fintechs sind an einer bewussten Zusammenarbeit von Verbrauchern, Investoren und Unternehmern interessiert.

Demokratische Governance

Conscious Fintechs arbeiten mit offenen und transparenten Modellen und nutzen bevorzugt Open-Source-Codes, die eine dezentrale Verarbeitung und Datenhaltung vorsehen. Sie überlassen den Nutzern die individuelle Kontrolle der Privatsphäre und damit ihrer Daten. Im Idealfall werden diese Regeln von den Nutzern mitentwickelt bzw. mitgesteuert.

Einfacher und komfortabler Zugang

Zu den Zielen von Conscious Fintechs gehört die finanzielle Inklusion. Durch konsequente Optimierung der Benutzerfreundlichkeit und des Komforts tragen sie dazu bei, dass Eintrittsbarrieren gesenkt werden und so eine integrative Beteiligung aller Menschen ermöglicht wird. Conscious Fintechs bieten Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten für Jeden und Jede, unabhängig von Ort und Zeit.

Selbständiges Entscheiden dank guter Finanzbildung

Conscious Fintechs helfen den einzelnen Nutzern, Verantwortung für ihr Geld zu übernehmen und versorgen sie mit den notwendigen Informationen, um ihre Geldströme zu kontrollieren. Durch eine transparente Kommunikation helfen sie, das Finanzwissen der Nutzer zu erhöhen, damit diese ihre eigenen Urteile zu Finanzthemen fällen können. Dabei geht es auch darum, bei den  Nutzern das Bewusstsein für werte-basierte Finanzentscheidungen zu schärfen.

Das englische Original der Prinzipien findet sich hier. Die Prinzipien sind Teil einer Roadmap, die noch diesen Januar erscheinen wird. Die Arbeitsgruppe ist sehr an Ihrer Meinung interessiert. Was fehlt? Was müsste inhaltlich geschärft werden? Wo finden sich Widersprüche? Sie können gerne auf der Facebook-Seite des Meet-Ups oder via LinkedIn Feedback geben.

Und wer weiss, vielleicht finden sich auch Interessierte in anderen Städten, die sich der Conscious-Fintech-Bewegung anschliessen möchten.

Wie wäre es etwa mit einem Meet-Up „Conscious Fintech“ in Zürich oder Zug?

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 08. Januar 2018