Wozu Finanzberatung für Frauen?

Frauenarmut in Deutschland

„Manchmal stehe ich am Monatsende vor dem Kühlschrank und denke, hoffentlich gibt es bald Geld. Ich muss dringend was einkaufen!“ Das sagt Susanne. Sie arbeitet hart: An fünf Tagen die Woche reinigt sie Krankenhausbetten. Bis zu 23 Betten muss sie in einer Schicht schaffen. „Ich denk‘ mir immer, man muss so arbeiten, als würde man selber in so einem Bett liegen“, motiviert sich die 48-Jährige aus Bochum.

Mit diesem Testimonial beginnt die Doku in der WDR-Mediathek über Frauenarmut. Gemäss OECD tragen in keinem anderen europäischen Mitgliedsland die Frauen so wenig zum Familieneinkommen bei wie in Deutschland.  Ihr Beitrag beträgt 22.4 %. Das hat Konsequenzen. Der eigene Lohn ist nur Zubrot. Bei einer Trennung reicht das Geld nicht mehr. Die Rentenbeiträge sind minimal. 2/3 aller Minijobber sind weiblich. Berufspausen sorgen ebenfalls für Flaute in der eigenen Kasse, auch wenn für die Familie unentgeltlich weiter geschuftet wird. Im Alter ist dann wenig übrig. Da bleibt oft nur der Weg zu Hartz IV und/oder zur Tafel.

 

Helma Sick: Warum Frauen ihr eigenes Geld haben sollen

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Die Doku hat mich daran erinnert, dass auf meinem Stapel ungelesener Rezensionsexemplare Helma Sicks Autobiografie liegt. Warum Frauen sich mehr um ihr eigenes Geld kümmern sollen, das ist genau ihr Thema. Seit 1986 berät sie mit ihrer Münchner Firma „frau & geld“ Frauen in Finanz- und Vorsorgefragen. Über viele Jahre hatte sie eine Kolumne zu Geldfragen in der Brigitte. Gemeinsam mit der ehemaligen Bundesfrauenministerin Renate Schmid hat sie das Buch „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“ veröffentlicht.

In ihrer Autobiografie „Aufgeben kam nie in Frage“ schildert sie, weshalb sie sich ihre eigene finanzielle Unabhängigkeit erkämpft hat. Sie hat sich von einer Büroassistentin ohne Ausbildung zu einer erfolgreichen Unternehmerin hochgearbeitet. Vor allem privat war das Leben nicht gerade einfach für sie – doch zu viel möchte ich nicht verraten. Manches in ihren Ausführungen klingt ungelenk. Intime und belastende Momente werden nur angedeutet. Das macht die Lektüre manchmal beschwerlich, manchmal gerade deshalb authentisch. Sie bringt ihre Energie und ihren Einsatz für mehr finanzielle Unabhängigkeit von Frauen gut rüber. Ihre Gedanken sind glasklar. Sie hat sich immer unter Kontrolle. Da schreibt jemand, der gelernt hat, sich gegen Repression zur Wehr zu setzen. Sie hat sich immer durchbeissen müssen und viel gearbeitet. „Streng dich an“ klingt als Antreiber zwischen den Zeilen durch.

Helma Sick ist vor allem auch eine aufrechte Sozialdemokratin. Ihr soziales Engagement wirkt nie wie politisches Kalkül, sondern als persönliches Bedürfnis. Das hat mich beeindruckt. So zitiert sie gegen Ende ihres Buches August Bebel mit einer Aussage von 1879:

Die Frau muss ökonomisch unabhängig sein, um es körperlich und geistig zu sein, damit sie nicht mehr von der Gnade und dem Wohlwollen des anderen Geschlechts abhängig ist.

Mit 76 Jahren ist die Münchner Unternehmerin dieses Jahr in eine Seniorenresidenz gezogen. Sie hat vorgesorgt. Sie hat alle ihre finanziellen Belange, soweit es ihr möglich ist, geregelt. Sie bleibt gleichzeitig Mitinhaberin ihrer Firma, die sie gemeinsam mit ihrer Nichte führt. Die derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen machen ihr Sorgen. Zu Recht, denn sie hat einige Male erfahren, wie leicht gerade Frauen diesen sozialen Backlash zu spüren bekommen.

Finanzberatung für Frauen

Zugegeben, ich kannte Helma Sick vorher nicht. Ich gehöre aus einem ganz einfachen Grund nicht zu ihrer Zielgruppe. Mir war es – so wie ihr – immer wichtig, mein eigenes Geld zu verdienen. Ich brauche ihren Rat also nicht. Ich habe auch nicht überprüft, wie gut ihre Performance als Anlageberaterin tatsächlich ist. Darum geht’s auch nicht. Sick will soziale Änderungen, nicht nur einzelne Kassen füllen.

Bisher habe ich das Thema „Finanzberatung für Frauen“ für einen Marketing-Gag gehalten. Diese Variante gibt es sicherlich auch zuhauf. Helma Sick hat mich dennoch überzeugt. Frauen sollten wissen, was ihre Entscheidungen heute für ihren Kontostand morgen bedeuten. Die Statistiken über Armut in Deutschland zeigen, dass der Nachholbedarf gross ist. Frauen sollten klüger sein als Jenny Marx und sich in Finanzfragen lieber auf sich selber verlassen:

Ich wünschte, dass mein lieber Karl mehr Zeit damit verbracht hätte, Kapital anzuhäufen statt nur darüber zu schreiben.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 06. Dezember 2018

 

 

 

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Die Stadt-„Republik“ Tsüri

Wenn im letzten Jahr von einem neuen Medienprojekt in Zürich geredet wurde, dann ging es meist um die „Republik“. Das Digital-Magazin startete im Januar 2018 nach einem fulminanten Crowdfunding-Erfolg, der weltweit grosse Beachtung fand. Constantin Seibt und Christof Moser führten das leserfinanzierte Projekt an, das sich an ein urbanes, gebildetes und kritisches Bürgertum richtet. Ziel des Projekts ist die Wahrung einer freiheitlichen Gesellschaft.

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» 

Und dann gibt es da noch ein vergleichbares, wenn auch viel, viel kleineres Projekt in Zürich. Mit genauso grossen Ambitionen. Eine Art „Stadt-Republik“. Genauso urban, gebildet und kritisch — und ganz lokal. Es geht um Tsüri. Tsüri setzt sich für eine nachhaltige, offene, moderne und umweltbewusste Gesellschaft ein. Das Zürcher Stadtmagazin richtet sich an eine jugendliche, gesellschaftskritische und lebenslustige Leserschaft. Texte, Bilder und Videos werden ergänzt durch Events, Führungen, analoge und digitale Games. In Sachen „Civic Media“ ist Tsüri wesentlich progressiver und gleichzeitig bodenständiger als die grosse, akademisch-intellektuelle Schwester „Republik“ aus der Langstrasse mit ihrem gediegenen Lesepublikum. Ganz wie das echte Zürich eben. Im Lokaljournalismus ist es vielleicht auch einfacher, analoges und digitales Leben zusammenzuführen.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/lsj15uu8U2Y

Wo chunnts Geld her?

Mir hat sehr gut gefallen, wie Verleger Simon Jacoby das Projekt und sein Team präsentiert hat. Er tat dies anlässlich der Geldgespräche bei der Alternativen Bank AG in Olten im November. Tsüri wird u.a. vom Innovationsfonds der ABS gefördert. Anders als die „Republik“ verzichtet Tsüri nicht ganz auf Werbung, um die redaktionelle Arbeit sicherzustellen. Die 500’000 Franken Kosten wollen jedes Jahr erneut bezahlt werden, damit die Firma überlebt. Und noch gibt es nicht genug Unterstützer. Geschäftsführer Roland Wagner fällt es deshalb nicht schwer, seine Lieblingstätigkeit bei Tsüri zu benennen:

Ich schreibe sehr gerne Rechnungen, damit wir bei Tsüri.ch einen Lohn bekommen und wir unsere Krankenkasse bezahlen können. Im Moment haben wir alle eine Krankenkasse ohne Halbprivatversicherung.

Bei der Werbung geht Tsüri allerdings nicht über das Google Ad Network, sondern die Firma übt eine „handverlesene Werbekontrolle“ aus, meinte Simon Jacoby auf Nachfrage. Bei den Werbepartnern seien thematische Anknüpfungspunkte wichtig, ergänzte er, wie z.B. für inhaltliche Schwerpunkte wie „Sucht“ oder „Smart Cities“. Damit die Redaktion formell von Werbeeinnahmen unabhängig bleibt, hat Tsüri Verlagsgeschäft und Redaktion voneinander getrennt. Die Geschäfte laufen über die Tsüri AG. Die Redaktion ist im Verein Achtusig-Medien organisiert.

#tsürigang

Neben Werbung versucht Tsüri, seine Finanzierung über Mitgliedschaften sicherzustellen. Nein, der Verlag spricht ganz bewusst nicht von Abonnenten, wie das herkömmliche Magazine tun. Sie nennen diese Förderer auch nicht Verleger, wie die „Republik“ es vormacht. Tsüri ist vor allem Gemeinschaft. Redaktion und Leser bilden zusammen die #tsürigang. Deshalb macht das Magazin derzeit – so mein Eindruck – vor allem Bannerwerbung für sich selber. Mitglied der #tsürigang kann man übrigens bereits ab 5 Franken/Monat werden.

Jo, Tsüri kommt ziemlich hipstermässig daher und ich merke beim Lesen ab und an schon, dass ich eher nicht mehr zur Zielgruppe gehöre. Dennoch, mir gefällt das Konzept. Mir gefällt die Ausrichtung. Für den Journalismus. Für meine Stadt. Das ist glocal, wie ich es mir wünsche. https://tsri.ch/accounts/signup/

Eine ganz kleine Investition, mit ganz grosser Wirkung.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), die bisher zur gediegenen Leserschaft der „Republik“ gehört, 29. November 2018

Digitale Mikrokredite sorgen für steigendes Ausfallrisiko

M-Pesa schaffte die technische Grundlage

M-Pesa gilt in der Branche als Urform eines Fintechs. Der Service ist simpel und genial: Der Bezahldienst ersetzt für einfache Geschäfte das Bankkonto.  M-Pesa bietet Handynutzern eine Plattform,  die einen einfachen, digitalen Zugang zu bargeldlosen Gelddienstleistungen verschafft.  Nutzer können bei speziellen Agenten einzahlen oder sich Guthaben auszahlen lassen. Nutzer können auch direkt mit anderen Nutzern bargeldlose Transaktionen abwickeln. M-Pesa dient unterwegs als sichere Geldbörse. Alles läuft digital via Handy, sogar ohne Internet. Das System wurde 2007 von der kenianischen Telekomfirma Safaricom in Kooperation mit Vodafone lanciert. M-Pesa wurde als technische Innovation gefeiert, die Banken im Retail-Kundensegment langfristig ersetzen kann. Das Wochenmagazin „Der Spiegel“ sprach 2010 vom Handy-Wirtschaftswunder in Kenia. Das System versprach nicht nur Wachstum und Modernisierung der kenianischen Wirtschaft, sondern versprach auch soziales Flair. Dank Technologie konnten nun die sogenannten „Banklosen“, also einkommensschwache Menschen, die kein Bankkonto haben, leichter in den Handel integriert werden und Wissen über Geld aufbauen. Ein Riesenmarkt, der nicht nur für Kenia von Bedeutung ist, sondern Vorbildcharakter für viele Entwicklungsländer hat.

Auf digitales Geld folgte der digitale Kredit

Seit fünf Jahren gibt es neben den reinen Zahlungsdiensten auch digitale Kredite. Wie groß ist der Markt genau? Wer verwendet digitale Kredite? Und welche Auswirkungen haben die neuen Möglichkeiten auf Kunden mit niedrigem Einkommen? Die FSD-Kenia führte in Zusammenarbeit mit der Central Bank of Kenya (CBK), dem Kenya National Bureau of Statistics (KNBS) und der CGAP eine national repräsentative Telefonumfrage bei über 3.000 Kenianern durch, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Der „Economist“ berichtet diese Woche über die Ergebnisse dieser Studie.

Die beiden bedeutendsten Lösungen für digitale Kredite, M-Shwari und M-Pesa werden über die M-Pesa-Plattform von Safaricom angeboten. Inzwischen gibt es zahlreiche andere Anbieter für digitale Kredite, auch von den traditionellen Banken. Jedoch hat keiner ein mit Safaricom vergleichbares Kundennetz. Jeder vierte Kenianer hat mindestens einmal einen digitalen Kredit aufgenommen. Innerhalb von Sekunden werden Mikrokredite bereitgestellt. Jeder aufgenommene Kredit ist ein Schritt, eine eigene, nachweisbare Bonität aufzubauen, die ihnen in Zukunft Zugang zu größeren und günstigeren Krediten verschaffen kann.

Die Ergebnisse der Umfragen deuten darauf hin, dass digitale Kredite in Kenia zu einer führenden Kreditquelle geworden sind und dass sie hauptsächlich zur Finanzierung des kurzfristigen Konsumbedarfs oder für das tägliche Business verwendet werden. Das ist nicht das, was sich die Befürworter von mehr „Financial Inclusion“ erhofft hatten. Sie waren davon ausgegangen, dass die Kredite vor allem kleine, oft informelle Unternehmen bei der Bewältigung des täglichen Cashflow-Bedarfs helfen würden oder als eine Art Notfallliquidität für Dinge wie medizinische Notfälle dienen könnten. Auch in Tansania wächst das Kreditvolumen und zeigt ähnliche Tendenzen (s. Abbildung)

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Kreditverwendung (Quelle: http://www.cgap.org/blog/its-time-slow-digital-credits-growth-east-africa)

 

Ausfallrisiko nimmt zu

Es gibt Anzeichen, dass viele Kreditnehmer mit der Rückzahlung kämpfen. Die Umfrage ergab, dass 14 Prozent der digitalen Kreditnehmer zum Zeitpunkt der Umfrage mehrere Kredite von mehr als einem Anbieter zurückzahlen. Das bedeutet, dass über 800.000 Menschen mit mehreren digitalen Krediten jonglieren. Um da nicht den Überblick zu verlieren, braucht es Transparenz über die Konditionen.

Rückzahlungsprobleme treten nicht nur auf, wenn Kunden mehrere Kredite gleichzeitig bedienen müssen. Es kann sogar mit einem einzigen, kleinen Kredit geschehen. Etwa die Hälfte der Befragten berichtete, dass sie mit ihrem digitalen Kredit mindestens einmal zu spät gezahlt hätten und etwa 13 Prozent gaben an, dass ein Zahlungsausfall eingetreten sei (CGAP vermutet, dass die tatsächliche Zahl höher ist, da viele Kreditnehmer darüber nicht berichten wollten, s. Abbildung). Als Hauptgründe für die verspätete oder ausgebliebene Rückzahlung wurden Probleme im Geschäft und der Verlust einer wichtigen Einnahmequelle genannt. Oft aber auch verstehen die Kunden die Kreditkonditionen nicht (s. Abbildung, poor transparency).

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Rückzahlungsprobleme bei digitalen Krediten (Quelle: http://www.cgap.org/blog/its-time-slow-digital-credits-growth-east-africa)

 

Die Konsumenten besser vor dem „easy money“ schützen

Die Daten des Kreditmarkts, so CGAP, deuten auf eine Verlangsamung des Marktes hin. Sie empfehlen den Geldgebern, mehr Fokus auf den Verbraucherschutz zu legen, um eine Kreditblase zu vermeiden und sicherzustellen, dass sich die digitalen Kreditmärkte so entwickeln, dass das Leben der einkommensschwachen Verbraucher nachhaltig verbessert wird. Das Centre for the Study of Financial Innovation in London kommt zu ähnlichen Empfehlungen. Die Technologie habe die Kreditaufnahme so einfach und bequem gemacht, dass das Überschuldungsrisiko der Konsumenten stetig steige.

Eine bessere Bonitätsprüfung zum Schutz der Konsumenten würde beispielsweise den Verbraucherschutz erhöhen. 10 % aller Kenianer haben inzwischen einen negativen Vermerk in den Unterlagen der Kreditauskunft. Das sieht auf den ersten Blick gar nicht so besorgniserregend aus. Auch in Deutschland haben 9.4 % % der Erwachsenen mindestens einen negativen Eintrag bei der SCHUFA. Doch sieht es so aus, als ob die Dunkelziffer in Kenia wesentlich höher liegt. Einige Anbieter, so suggeriert es der „Economist“, melden ihre säumigen Kunden offensichtlich nicht, damit sie diesen Kunden weiterhin Kredite anbieten können  – zu Wucherzinssätzen.

Marktführer M-Shwari erhebt unabhängig von der Laufzeit eine „Vermittlungsgebühr“ von 7,5 Prozent auf Kredite, damit er einen Zuschlag zur gesetzlich verordneten Zinsobergrenze erhält. Bei einem Darlehen mit einer Laufzeit von einem Monat entspricht dies einem annualisierten Zinssatz von 90 Prozent. Das ist, laut „Economist“-Artikel noch recht anständig. Viele kleine Anbieter arbeiten gleich ganz ausserhalb des Zugriffs der Zentralbank und umgehen die staatliche Zinsobergrenze. Sie kalkulieren also eine hohe Ausfallrate direkt ein.

Auch wenn die Vermittlungkanäle neu und bequem sind, so bleiben die Probleme bei der Kreditvergabe doch die alten: Solange Kredithaie den Markt beherrschen, bleiben die Chancen vieler einkommensschwacher Menschen auf Integration in den Finanzmarkt ein teurer und kurzer Traum.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 23. November 2018

 

 

 

Boni sind nicht mehr zeitgemäss

Keine Boni mehr bei der Migros Bank

Diese Woche verkündete die Schweizer Migros Bank, dass sie ab dem Geschäftsjahr 2019 die Boni für die Mitarbeitenden abschaffen wolle. Die Bank liefert drei Argumente für die Abschaffung der variablen Vergütungsbestandteile:

  1. Die Digitalisierung macht den klassischen Verkäufer an der Front weniger wichtig. Stattdessen würden immer mehr Teams entlang der gesamten Wertschöfpungskette die Kundschaft bei ihren Entscheidungen unterstützen.
  2. Die Bank möchte verhindern, dass sich Mitarbeitende lediglich auf Tätigkeiten konzentrieren, die ihren individuellen Bonus erhöhen.
  3. Mit der Abschaffung möchte die Bank den Blick stärker auf die langfristige Ertragskraft des Unternehmens ausrichten.
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Aussenaufnahme einer Filiale der Migros Bank (Foto: Migros Pressestelle)

Das Ganze, so CEO Harald Nedwed, soll keine Kostensparmassnahme sein. Daher erhalten alle Mitarbeitenden, deren variabler Lohnanteil bisher maximal 20 % betragen hat, eine einmalige Erhöhung ihres Fixlohns. Diese wird individuell festgelegt.

Das ist eine gute Entscheidung. Sie ist gut für den Ruf der Bank. Sie kann auch intern dafür sorgen, dass die Erfolgsverantwortung weniger einseitig bei den Verkäufern liegt. Denn die digitalen Bankprodukte werden von vielen Mitarbeitenden gemeinsam verantwortet. Von daher ist die Einschätzung Nedweds, individuelle Boni seien nicht mehr zeitgemäss, völlig richtig. Sogar die deutsche Wirtschaftspresse berichtete diese Woche über den Schritt der kleinen Schweizer Bank. Die Migros Bank beschäftigt etwa 1’300 Menschen, die UBS dagegen über 62’000 (Zahlen von 2017). Zu fürchten ist jedoch, dass bonusgetriebene Mitarbeitende der Migros Bank zur Konkurrenz wechseln. Das ist ein Risiko, dass Nedwed offensichtlich in Kauf nimmt.

Für die Branche bleiben Boni wichtig

Mit Blick auf die gesamte Branche ist die Entscheidung der Schweizer Bank nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Denn der Trend geht teils in eine andere Richtung. Zwar stagnieren die Boni in Europa; in den USA allerdings ist der Bonus-Pool um 78 % höher als zum Höhepunkt der Finanzkrise. Sogar die kriselnde Deutsche Bank kündigte im Frühjahr an, hohe Boni an ihre Angestellten auszuzahlen. Während Mitarbeitende etwa 2,3 Milliarden Euro an variabler Vergütung erhielten, schüttete die Bank nur ein Zehntel dieser Summe an ihre Anteilseigner aus. Der Personalberater Alex May rechnet mit einer insgesamt wachsenden Bedeutung der variablen Gehaltsbestandteile in der Branche.

Was ist denn so schlimm an Boni?

Das ist eine erstaunliche Kehrtwende, denn Experten machen die Bonuspolitik der Banken  verantwortlich für den Ausbruch der Finanzkrise. Die Boni der Händler belohnten die Risikobereitschaft, ohne die Verluste zu bestrafen. Die mussten meist die Steuerzahler übernehmen.

Auch wenn es wenig wissenschaftlichen Konsens über die genauen kausalen Auswirkungen der Vergütungssysteme auf die Finanzkrise gibt, deuten mehrere Studien auf einen Zusammenhang hin (z.B hier oder  hier). Deshalb führte auch die EU eine Obergrenze für Banker-Boni ein: Nicht höher als das Grundgehalt sollen sie ab 2014 sein. Da mag auch viel populistische Schelte eine Rolle gespielt haben, aber das ungute Gefühl, dass die Risiken asymmetrisch zu Gunsten der Bank-Executives verteilt sind, bleibt. Niemand sagt das klarer als der Risikomanager und Publizist Nassim Nicholas Taleb in seinem neuesten Buch „Skin in the game: Hidden Asymmetries in Daily Life„:

So ereigneten sich beispielsweise die Bank-Zusammenbrüche des Jahres 2008 aufgrund der Akkumulation von Risiken, die im System verborgen und asymmetrisch waren: Banker – wahre Meister in der Kunst der Risikoabschiebung – konnten kontinuierlich Bonusse aus einer bestimmten Klasse verborgener explosiver Risiken einstreichen, unter Verwendung von Risikomodellen, die nirgends sonst funktionieren als auf dem Papier (denn Akademiker haben praktisch keine Ahnung von Risiken); und dann berufen sie sich nach dem Zusammenbruch auf Unwägbarkeit, diesen besagten unsichtbaren, unvorhersehbaren Schwarzen Schwan… und behalten die Bonuszahlungen der Vergangenheit –… (S. 30-31)

Er setzt sich deshalb für die Abschaffung der Banker-Boni ein. Zwar ist die kleine Migros Bank mit ihrem Retailgeschäft maximal weit von Talebs Erfahrungswelt mit den Zockerbanken der Finanzkrise entfernt; aber genau darum geht’s Taleb in seinem Buch. Sein Rezept ist einfach und soll für alle Lebenslagen gelten, nicht nur für Banken: Wer Boni zahlt, erhält kein Bailout. Wer Gewinne einstreicht, muss auch für Verluste gerade stehen. Wenn’s nach Taleb geht, hat die Migros Bank also alles richtig gemacht.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 15. November 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

Neue Regeln für neue Städte?

Im nächsten Wirtschaftsliterarischen Quartett bei den @mikroeokonomen werden wir Titus Gebels Buch Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt diskutieren. Gebel entwickelt im Text die libertäre Vision einer Stadt, in der die Bürger mit dem privaten Unternehmen, das die Stadt betreibt, einen Einzelvertrag aushandeln und ansonsten machen können, was sie wollen:

„Stellen Sie sich vor, ein privates Unternehmen bietet Ihnen als Staatsdienstleister den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum in einem abgegrenzten Gebiet. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was Sie wollen, solange Sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen.“ (aus dem Buchrückentext)

Um seine Idee zu illustrieren, greift Gebel gerne auf den Vergleich mit einem  Kreuzfahrtschiff zurück:

Denn auf hoher See außerhalb der Hoheitsgewässer unterliegen die Passagiere weder dem Recht des Staates, aus dem sie stammen noch dem, vor dessen Küste gekreuzt wird. Und der Kapitän hat die oberste Exekutivgewalt inne, es gibt an Bord weder ein Gericht noch ein Parlament. Es gibt dafür eine andere Rechtsgrundlage, nämlich den Vertrag, den die Passagiere mit der Kreuzfahrtgesellschaft (in der Regel über den Reiseveranstalter) geschlossen haben. Auch wenn sie ihn nie gelesen haben, ein solcher Vertrag existiert und er legt auch das anwendbare Recht fest. Für die Dauer der Kreuzfahrt übernimmt es das Personal der Kreuzfahrtgesellschaft, für ihre Sicherheit zu sorgen, ihr Eigentum zu schützen und mögliche Streitigkeiten zu schlichten (S. 149).

Damit das Ganze nicht zu sehr nach Titanic klingt, greift Gebel zum einen auf historische Vorbilder, wie Venedig oder die Deutsche Hanse zurück, zum anderen macht er aber auch kräftige Anleihen bei  Paul Romers Idee der Charter Cities (s. S. 156). Und der hat zusammen mit William Nordhaus gerade diese Woche den „Wirtschaftsnobelpreis“ erhalten. Muss man die Idee von diesen neuen Städten mit ihren souveränen Stadtordnungen also ernst nehmen?

Seit 2008 vertritt Romer die Idee, dass Entwicklungsländer mit besseren Regeln und Institutionen auf einen besseren Wachstumskurs gebracht werden können. Um diese These zunächst lokal begrenzt auszutesten, hat Romer das Konzept der Charter City entwickelt.

Die neuen Regeln würden in einer Charter bereits vor Ankunft der Bürger festgelegt. Niemand solle gezwungen werden, in dieser neuen Stadt zu leben. Das geht einfacher, wenn man unbewohntes Gebiet neu besiedelt. Alles basiert also auf Freiwilligkeit. Zwischen der neuen Stadt und dem Gastland soll es einen Vertrag geben, der der Stadt weitgehende Autonomie gewährt, so dass sie sich frei von den Regeln des Gastlandes entwickeln kann. Durch Handel und Migration profitiert auch das Gastland. Damit die Implementierung auch funktioniert, schlägt Romer vor, dass eine Treuhandnation eine Art Patenschaft über die Charter City übernimmt und bei der Einführung der neuen Regeln unterstützt. So könnte beispielsweise Kanada die Patenschaft über Guantánamo Bay nach Ende der US-amerikanischen Verwaltung des Ortes übernehmen und die Region ausserhalb der kubanischen Wirtschaftsordnung neu aufstellen.

Mit diesem Vorschlag hat sich Romer in ein Wespennest gesetzt: Westliche, entwickelte Staaten exportieren ihre Regeln in den unterentwickelten Süden? Das kam überhaupt nicht gut an (s. hier, hier oder hier). Romer hat sich von Anfang an gegen diesen Vorwurf des Kolonialismus gewehrt und auf die Freiwilligkeit des Konzepts hingewiesen.  In neueren Publikationen erwähnt er aber lieber das südchinesische Shenzhen als Beispiel dafür, wie eine Stadt dank Sonderregeln für ihr Gebiet zu einem überdurchschnittlichen Wachstum kam (s. Abbildung).

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total GDP (GDP/capita∗population), Quelle: https://paulromer.net/economic-growth/

Gebel hat genau registriert, wie emotional die Menschen auf die Idee der Treuhandländer bei Romer reagiert haben. „Fremde Flaggen, das kommt nicht gut“, meinte er auch im Gespräch mit mir in Zürich im letzten Mai. An die Stelle des paternalistisch wirkenden Treuhänders tritt bei ihm der Wettbewerb profitmaximierender Unternehmen, die mit ihrem Produkt  Stadt um neue Kunden bzw. Bürger buhlen. Wenn mir als Bürgerin meine Stadt nicht mehr passt, suche ich mir eine neue. Damit rückt Gebel näher an ein anderes Modell, dass die Idee neuer, unabhängiger Gebietskörperschaften bekannt gemacht hat: die schwimmenden Städte des Seasteading Institute, in denen zukünftig „die Bewohner bei Unzufriedenheit mit der jeweiligen Gesellschaftsordnung ihre schwimmende Wohnplattform abkoppeln und zu einer anderen schwimmenden Stadt wechseln können“ (S. 266).

Was kann da schon schief gehen? Diskutiert mit uns.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 11. Oktober 2018

Den Einfluss der Banken eindämmen

Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an. Damals brach die US-Regierung mit dem Grundsatz des „too big to fail“ und stellte, anders als noch als bei Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac, keine öffentlichen Gelder zur Rettung der Investmentbank zur Verfügung. Was zunächst wie ein Befreiungsschlag aussah, entpuppte sich als folgenreich. Die Insolvenz gilt als Auslöser der globalen Finanzkrise von 2008, deren soziale Folgen bis heute nicht überwunden sind.

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Buch über den Konkurs der Investmentbank, von Lawrence McDonald

Das Datum jährt sich nun bald zum 10. Mal und seit letztem Jahr haben sich bereits viele Symposien, Experten und Wirtschaftsmagazine mit der Aufarbeitung der Krise beschäftigt oder planen dies noch (z.B. die Financial Times,  die Finanzprofessorin Anat Admati, die Bank of England oder auch die Chicago Booth School of Business, um nur einige wenige Beispiele zu nennen).

Seit 2008 hat man denn auch einiges versucht, das Finanzsystem zu stabilisieren. Sowohl in den USA als auch in Europa wurden zahlreiche neue Regulierungen verabschiedet, um eine weitere Krise zu verhindern. Dennoch hat sich grundsätzlich wenig am Einfluss des Finanzsektors und seiner Lobby auf die Politik geändert. So wurden im letzten Jahr vier Regionalbanken im Euro-Raum zahlungsunfähig. Die spanische Banco Popular wurde gemäss den Vorgaben der gemeinsamen Bankenabwicklungsbehörde SRB (Single Resolution Board) abgewickelt und für einen symbolischen Euro an Santander verkauft. Die drei betroffenen italienischen Institute jedoch wurden von der eigenen Regierung mit Steuermitteln gerettet, unter Ausnutzung einer Regulierungslücke.

Laurie MacFarlane von der UK-Website Open Democracy bringt den immensen politischen Einfluss der Banken in diesem kurzen Gespräch, das anlässlich des 1. Change-Finance-Forums von Finance Watch entstand, auf den Punkt.

Der Einfluss der Banken auf die Gesetzgebung wird, so MacFarlanes Hauptthese, weiterhin stark bleiben, solange wir nicht bereit sind, einige Eckpfeiler des derzeitigen wirtschaftlichen Modells zu überdenken und entsprechende Änderungen einzufordern. Beispielsweise werden durch die vorherrschende Ideologie der Banken, die blindlings an die Markteffizienz glauben, weiterhin soziale und ökologische Effekte der Geschäftspolitik als Externalitäten ignoriert. Damit ist die nächste globale Krise, ob sie sich nun als Finanzcrash, Klimawandel und/oder soziale Verwerfung zeigen wird, vorprogrammiert.

 

 

Barbara Bohr, (@nachrichtenlos), 05. September 2018