Der langsame Abschied vom Shareholder-Value-Kult

„Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, und zwar sowohl öffentliche als auch private, einem sozialen Zweck dienen“, schrieb BlackRock-CEO Larry Fink in einem Schreiben am Dienstag. Es ging, so berichtete die New York Times, an die CEOs aller grossen Firmen, an denen BlackRock Anteile hält. Und das sind nicht wenige, denn BlackRock ist mit einer Anlagesumme von 6.3 Mrd. Dollar der grösste Vermögensverwalter der Welt.

on-ch555_blackr_b780_20171012152921

In Finks Brief heisst es unter anderem:

„Without a sense of purpose, no company, either public or private, can achieve its full potential. It will ultimately lose the license to operate from key stakeholders. It will succumb to short-term pressures to distribute earnings, and, in the process, sacrifice investments in employee development, innovation, and capital expenditures that are necessary for long-term growth. It will remain exposed to activist campaigns that articulate a clearer goal, even if that goal serves only the shortest and narrowest of objectives. And ultimately, that company will provide subpar returns to the investors who depend on it to finance their retirement, home purchases, or higher education.“ /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Social Corporate Responsibility soll also nicht mehr nur ein bunter Marketing-Gag sein, indem eine Firma berichtet, wie toll ihre Frauenförderprogramme sind, dass die Mitarbeiter an einem Freiwilligen-Tag Bäumchen pflanzen und dass selbstverständlich jede Flugmeile CO2-kompensiert wird. Verantwortung für die Gesellschaft heisst, Antworten auf die Fragen, die diese Gesellschaft umtreiben, zu finden. Denn damit ist dann auch langfristig Geld zu verdienen.

Companies must ask themselves: What role do we play in the community? How are we managing our impact on the environment? Are we working to create a diverse workforce? Are we adapting to technological change? Are we providing the retraining and opportunities that our employees and our business will need to adjust to an increasingly automated world? Are we using behavioral finance and other tools to prepare workers for retirement, so that they invest in a way that that will help them achieve their goals? /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Es wird Zeit für eine solche Neuausrichtung der Unternehmenswelt und ich bin gespannt, wie die Reaktion auf diese Ankündigung sein wird.

Interessant finde ich diesen Brief zum jetzigen Zeitpunkt vor allem aus zwei Gründen:

Zum einen spielt BlackRock, einer der ganz grossen Player an der Wall Street, mit diesem Vorstoss das progressive Silicon Valley mal locker an die Wand. Während es in Palo Alto früher gerne hiess, dass jede neue App dazu diene, die Welt ein wenig besser zu machen, erhielten die Tech-Konzerne im letzten Jahr sehr viel Gegenwind. Plötzlich hörte man den Ausspruch „Make this world a better place“ nur noch als ironische Replik in der Sitcom „Silicon Valley“. Das hat teils damit zu tun, dass die grossen Firmen (und Behörden) durch ihre Datenanalysen die Ungleichheit in der Gesellschaft  verstärken könnten.  Das hat auch viel mit der Polarisierung von Meinungen durch Manipulationen der User-Feeds zu tun. Die geschmacklosen Geschichten über weltfremde und frauenfeindliche Kapitalgeber haben den Eindruck eines fehlenden moralischen Kompasses noch gestärkt – da fehlen oft kritische Boards, die die Geschäftsleitungen ausreichend beraten und kontrollieren. Ohne gut funktionierende und engagierte Boards gibt es keine solide Unternehmensentwicklung, so die Philosophie von BlackRock.

Bei BlackRock kommt denn der Brief nicht von ungefähr. Die Firma ist Gründungsmitglied bei FCLT Global. Der Name steht für Focusing Capital on the Long Term und entspricht dem Anlagecredo eines Vermögensverwalters, dessen Kunden vor allem auf eine langfristige Wertentwicklung angewiesen sind. Das unterscheidet BlackRock auch von anderen „aktivistischen Aktionären“.  Eine konsequente Ausrichtung der Unternehmen auf eine solch langfristige Wertentwicklung würde auch eines der pet projects der Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley, die Longterm-Stock Exchange, überflüssig machen.

Zum zweiten nennt der Brief die derzeitige Handlungsschwäche vieler Staaten als Grund, Druck auf die Unternehmen auszuüben:

We also see many governments failing to prepare for the future, on issues ranging from retirement and infrastructure to automation and worker retraining. As a result, society increasingly is turning to the private sector and asking that companies respond to broader societal challenges. /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Das ist schon eine harte Aussage. Wenn der Staat es nicht richten kann, müssen die Unternehmen in die Bresche springen. Das ist Kapitalismus pur. Und stellt die Frage nach der demokratischen Verantwortung und wie die funktionieren soll, wenn Unternehmen und nicht mehr gewählte Vertreter strategische Entscheidungen für eine Gesellschaft treffen und diese auch kontrollieren.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Januar 2018

 

Advertisements

Finanzideen, die der Gesellschaft nützen

Wer die Nachrichten um das allerneueste Kryptoderivat oder den coolsten Token Sale liest, der kommt schnell zum Schluss, da geht’s um schnelle Geld. Dieser Hype ums Spekulativ-Finanzielle ging auch Ethereum-Gründer Vitalik Buterin zu weit:

Doch es gibt trotz oder gerade wegen des Krypto-Hypes durchaus Versuche, neue finanzielle Gestaltungsmöglichkeiten und Gemeinwohl miteinander in Einklang zu bringen. Seit 2016 haben sich beispielsweise in Berlin bereits viermal Experten aus Banken und Fintech-Unternehmen sowie anderen Interessierten im Meet-up „Conscious Fintech“ getroffen. Bei den Meetings ging es darum, sich mit den sozialen und ökologischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich aus dem Einsatz der neuen Finanztechnologien ergeben. Initiiert wurde die Event-Reihe von Sanika Hufeland, Geschäftsführerin beim Institute for Social Banking. Als Mitveranstalter firmieren neben dem Institute for Social Banking (ISB) das Fair Finance Institute, Pola Vayner (Founder GreenClick), Ludwig Schuster (Sustainable Money Working Group), Konstantin Wolf (Zebralog) sowie der Impact Hub Berlin.

Beim letzten Meeting, an dem etwa 60 Personen teilnahmen, wurden –  als erstes Ergebnis aus den Treffen – sechs Prinzipien erarbeitet und verabschiedet. Diese enthalten die ethischen Eckpunkte, die Fintech-Unternehmen, aber auch werteorientierte Banken beim Aufbau ihrer Geschäftsmodelle befolgen sollten, wenn sie einen positiven sozialen und ökologischen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen wollen.

Hier sind sie:

Ökologischer und sozialer Impact

Fintech-Innovationen sollen als soziale, nicht nur technische oder finanzielle Innovationen betrachtet werden. Die Schaffung einer positiven Wirkung sollte ein Kernelement und nicht nur ein Nebenprodukt sein: Innovative Technologien können nämlich eine Hebelwirkung in ökologischer und sozialer Hinsicht haben. Alle Aspekte einer echten Nachhaltigkeit sollen berücksichtigt werden.

Verbesserung der finanziellen Resilienz

Conscious Fintechs sollen darauf hinarbeiten, die Krisenanfälligkeit unseres Finanzsystems zu verringern.  Sie können für eine faire Allokation von Risiken und Erträgen sorgen. Conscious Fintechs lenken Geld dorthin, wo es am dringendsten gebraucht wird: zur Finanzierung der guten (realen) Wirtschaft und zur Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele.

Fokus auf Menschen- und Stakeholder

Conscious Fintechs reflektieren die Bedürfnisse und Interessen der Menschen.
Sie stellen finanzielle Instrumente für die Zusammenarbeit und den sozialen Zusammenhalt bereit, um wirtschaftliche Beziehungen zu fördern, die für ein friedliches menschliches Zusammenleben unerlässlich sind. Conscious Fintechs sind an einer bewussten Zusammenarbeit von Verbrauchern, Investoren und Unternehmern interessiert.

Demokratische Governance

Conscious Fintechs arbeiten mit offenen und transparenten Modellen und nutzen bevorzugt Open-Source-Codes, die eine dezentrale Verarbeitung und Datenhaltung vorsehen. Sie überlassen den Nutzern die individuelle Kontrolle der Privatsphäre und damit ihrer Daten. Im Idealfall werden diese Regeln von den Nutzern mitentwickelt bzw. mitgesteuert.

Einfacher und komfortabler Zugang

Zu den Zielen von Conscious Fintechs gehört die finanzielle Inklusion. Durch konsequente Optimierung der Benutzerfreundlichkeit und des Komforts tragen sie dazu bei, dass Eintrittsbarrieren gesenkt werden und so eine integrative Beteiligung aller Menschen ermöglicht wird. Conscious Fintechs bieten Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten für Jeden und Jede, unabhängig von Ort und Zeit.

Selbständiges Entscheiden dank guter Finanzbildung

Conscious Fintechs helfen den einzelnen Nutzern, Verantwortung für ihr Geld zu übernehmen und versorgen sie mit den notwendigen Informationen, um ihre Geldströme zu kontrollieren. Durch eine transparente Kommunikation helfen sie, das Finanzwissen der Nutzer zu erhöhen, damit diese ihre eigenen Urteile zu Finanzthemen fällen können. Dabei geht es auch darum, bei den  Nutzern das Bewusstsein für werte-basierte Finanzentscheidungen zu schärfen.

Das englische Original der Prinzipien findet sich hier. Die Prinzipien sind Teil einer Roadmap, die noch diesen Januar erscheinen wird. Die Arbeitsgruppe ist sehr an Ihrer Meinung interessiert. Was fehlt? Was müsste inhaltlich geschärft werden? Wo finden sich Widersprüche? Sie können gerne auf der Facebook-Seite des Meet-Ups oder via LinkedIn Feedback geben.

Und wer weiss, vielleicht finden sich auch Interessierte in anderen Städten, die sich der Conscious-Fintech-Bewegung anschliessen möchten.

Wie wäre es etwa mit einem Meet-Up „Conscious Fintech“ in Zürich oder Zug?

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 08. Januar 2018

Mehr Wissen über Krypto-Assets kann nicht schaden

Ob Anlagen in Kryptowährungen nun Himmel oder Hölle bedeuten, ist nicht immer leicht zu beurteilen. Wie bei jedem Hype gehen die Meinung auseinander. Und wie bei jedem Hype kommen irgendwann Trittbrettfahrer hinzu, die der Entwicklung eher schaden als nützen (hier ein Beispiel).

Der Markt der Kryptowährungen und daraus abgeleiteten Anlagen ist unübersichtlich, wenn nicht chaotisch. Scams und vor allem die Hysterie um den Bitcoin-Preis machen die Sache nicht besser. Experten, darunter der Risikokapitalgeber Jamie Burke und Ethereum-Gründer Vitalik Buterin, gehen davon aus, dass beispielsweise bis zu 90% aller ICOs scheitern werden. Da ist es gut, systematisch aufzuklären und Vor- und Nachteile der Möglichkeiten aufzuzeigen.

lotsofcoins

Demelza Kelso Hays [1] wird quartalsweise mit ihren Kollegen Ronald-Peter Stoeferle  und Mark J. Valek im Auftrag der liechtensteinischen Vermögensverwaltungsgesellschaft Incrementum  eine kritische Sichtweise auf wirtschaftliche, rechtliche und technische Aspekte von Krypto-Assets vermitteln. Der erste Quartalsreport ist sehr umfangreich (60 Seiten), weil er auch über viele Grundlagen und Anwendungen informiert. Dabei greift er auf frühere Blogbeiträge zurück. Ich finde, der Bericht ist sehr verständlich geschrieben. Dennoch richten sich die Informationen eher an Finanzmarktteilnehmer denn an Einsteiger.

Themen sind:

  • Einführung in die Blockchain-Technologie und Kryptowährungen
  • Initial Coin Offerings
  • US-regulierte Bitcoin-Derivate
  • Ein Index für Kryptowährungen
  • Besteuerungen von Kryptowährungen in Europa

Der erste Report ist so dicht an Informationen, das ich nur eine Sache vermisst habe: ein Executive Summary ;).

Es gibt ihn nicht nur in englischer, sondern auch in deutscher Sprache. Finanziell wurde er neben Incrementum auch von der Bank Vontobel unterstützt.

Englischsprachiger Report: http://cryptoresearch.report/wp-content/uploads/2017/12/Incrementum-Crypto-Research-Report-Edition-1-English-Version.pdf

Deutschsprachiger Report: http://cryptoresearch.report/wp-content/uploads/2017/12/Incrementum-Crypto-Research-Report-Edition-1-German-version.pdf

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 15. Dezember 2017, Disclaimer: @nachrichtenlos hält selber Kleinstbestände an BTC und ETH in ihrer Wallet. 😇

 

[1] Demelza forscht als Doktoratsstudentin über Kryptowährungen an der Universität Liechtenstein. Sie war als Referentin beim Finance-Watch-Workshop zur Blockchain-Technologie in Brüssel dabei.

 

Künstliche Intelligenz und Innerlichkeit

Ein Gastbeitrag von Claude Del Don

Chatbots, Smartphone-Assistenten, Roboadviser: künstliche Intelligenz befindet sich im Moment in aller Munde und nimmt einen nicht unwichtigen Platz im Denken von Bankmanagern, IT-Entwicklern und Politikern ein. Chatbots sind künstliche Online-Profile in Social-Media.Netzwerken, welche beispielsweise von Firmen oder politischen Parteien eingesetzt werden, um ihre Produkte, Dienstleistungen oder Wahlprogramm zu verbreiten. Smartphone-Assistenten (z.B. Apples Siri) sind meist sprachgesteuerte Programme, welches die Nutzer bei der Bedienung computergestützter Geräte unterstützen soll. Roboadviser sind digitale Assistenten im Banking oder künstliche “Kundenberater” für Bankkunden, welche Anlage- und andere Beratungsfunktionen ausführen.

Um sich dem Thema des Verhältnisses von Künstlicher Intelligenz zum Menschen von akademisch-geisteswissenschaftlicher Seite zu nähern, mag es notwendig sein, dem etwas veralteten und allenfalls noch im kulturhistorischen Kontext verwendeten Begriff der „Innerlichkeit“ zu neuer Bedeutung zu verhelfen. Er umfasst Vorgänge des menschlichen (Selbst-)Bewusstseins wie Denken, Lieben, Mitleid Empfinden, Wut Empfinden, Trauern, sich Freuen, usw. Innerlichkeit ist also quasi die vom Individuum wahrgenommene Äusserung des (Selbst-)Bewusstseins. Vereinfacht gesagt könnte man Innerlichkeit also als jenen Vorgang verstehen, der es dem Menschen ermöglicht, über sich selbst als „Ich“ oder als „Selbst“ nachzudenken.

Kulturgeschichtlich findet sich eine der frühesten Konzeptionen von Innerlichkeit im Buch Exodus des Alten Testamentes, wo Gott sich selbst als der „Ich bin“ bezeichnet. Auch im nicht-monotheistischen Griechenland des 6. vorchristlichen Jahrhunderts findet sich der Überlieferung gemäss eine Inschrift der Sieben Weisen über dem Eingang zum Tempel von Delphi, wovon eine das bekannte „Erkenne dich selbst“ ist. Im 5. Jahrhundert n. Chr. empfiehlt dann Augustinus sich vom Äusseren ins Innere zu kehren, um Gott, sich selbst und die Wahrheit zu finden. Descartes definiert ca. 1000 Jahre später Innerlichkeit als das Denken allein („Cogito ergo sum“ – ich denke, also bin ich). So bahnbrechend Descartes’ Erkenntnis für die Philosophie die Geistesgeschichte war, so stellt sie dennoch eine Verkürzung der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs der Innerlichkeit dar. Der religiöse Kontext, in den Innerlichkeit in der Antike und im Mittelalter gestellt wurde, sowie die Arbeit von Descartes führten schliesslich dazu, dass Hegel ihn im 18. Jahrhundert meist als etwas Negatives betrachtet. Immerhin galt für Hegel das Denken als eine Form der Innerlichkeit, die nicht negativ konnotiert war. Für Nietzsche war im 19. Jahrhundert die Unterscheidung zwischen Innerem und Äusserem ein Unding und er plädierte für eine reine Äusserlichkeit.

Diese Entwicklung mag dazu beigetragen haben, dass der Astrophysiker Martin J. Rees heute das Denken von nassen Systemen (damit sind wir Menschen gemeint) als vergleichsweise begrenzt und die Menschheit somit nur als Vorspiel der Geschichte bezeichnet. Elektronische Rechenmaschinen kennen diese Begrenzung nicht. Diese Feststellung erfolgt in keiner Weise mit Bedauern, sondern vermittelt eher den Eindruck, Martin J. Rees empfinde dies als natürliche und richtige Entwicklung. Hier findet die Reduktion des Menschen auf sein Denken und die Veräusser(lich)ung der Innerlichkeit einen Höhepunkt.

Von Marvin Minsky, einem der Pioniere auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz wird gesagt, er hätte gerne Folgendes kolportiert:

„One day soon, maybe twenty or thirty years into the twenty-first century computers and robots will be able to construct copies of themselves, and these copies will be a little better than the originals because of intelligent software. The second generation of robots will then make a third, but it will take less time, because of the improvements over the first generation. The process will repeat. Successive generations will be ever smarter and will appear ever faster. People might think they’re in control, until one fine day the rate of robot improvements ramps up so quickly that superintellligent robots will suddenly rule the Earth.“

Für Marvin Minsky war dies jedoch nicht eine Schreckensvision, sondern das wünschenswerte Szenario, welches er durch seine Forschung herbeiführen resp. für die Herbeiführung zumindest einen wesentlichen Beitrag leisten wollte.

Anders Elon Musk: Er zeichnet in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz ein recht düsteres Bild der Zukunft des Menschen. Er beschwört sogar den durch lernende Maschinen verursachten 3. (atomaren) Weltkrieg und bedient sich dabei der Ikonographie des Films „Terminator“ aus dem Jahre 1984. In diesem Film liegt die Welt in der Zukunft in Staub und Asche. Ein Atomkrieg, verursacht von einer künstlichen Intelligenz, geschaffen von Menschen, welche kurz nach Inbetriebnahme ein eigenes Bewusstsein entwickelte und ihr Überleben nur in der Vernichtung der Menschheit sah. Andere Erzeugnisse der Filmkunst wie beispielsweise das japanische Anime  „Ghost in the Shell“ (kürzlich als Realfilm in den Kinos) gehen ein wenig differenzierter mit dem Thema um, wenngleich nicht weniger kritisch.

Es stellt sich die Frage, wovor Elon Musk genau warnen will. Vor der künstlichen Intelligenz oder vor den Menschen, welche sie programmieren, propagieren und versuchen gesellschaftliche Akzeptanz für sie zu erreichen? Betrachtet man das obige Konzept der Innerlichkeit und bleibt man bei der ursprünglichen Vielfalt dieses Begriffs, so stellt sich unweigerlich die Frage, ob eine Maschine, ein Algorithmus, ob offenes oder geschlossenes System, jemals Innerlichkeit haben wird oder immer nur höchstens eine Simulation davon  sein kann. Bleibt Innerlichkeit damit nicht das Alleinstellungsmerkmal des Menschen gegenüber der Maschine? Jedoch bleibt die Möglichkeit, dass es denjenigen Vertretern der Befürworter künstlicher Intelligenz wie Martin J. Rees oder Marvin Minsky ganz recht ist, wenn lernende Maschinen niemals Innerlichkeit erlangen, da sie diese möglicherweise als eben jenes Element menschlichen Daseins betrachten, welches überwunden werden muss. Über das Menschenbild, das hinter solchen Haltungen zweifelsohne existiert, lässt sich lediglich spekulieren. So hat auch ETH-Professor Thomas Hofmann mehr Angst vor den Menschen (als Erbauer und Nutzer der Maschine) als vor den Maschinen selbst.

Im Umgang mit elektronischen Hilfsmitteln, die künstliche Intelligenz nutzen, empfiehlt sich für den Endverbraucher zu unterscheiden, wes Geistes Kind das jeweilige Hilfsmittel bzw. die künstliche Intelligenz ist. Denn es könnte sich als problematisch erweisen, wenn beispielsweise einem Roboadviser zugestanden wird, an Stelle des Kunden (in der Annahme sein Algorithmus simuliere den Kunden vollkommen) Investments zu tätigen. Oder wenn eine solche „Kundensimulation“ als alleinige Entscheidungsgrundlage dient, ob jemand eine Kranken- oder Autoversicherung erhält oder falls ja, zu welchem Preis. Im ersten Fall könnte ein Irrtum in der Annahme zu Verlusten für die Anleger führen. Im zweiten Fall zu einer Diskriminierung und im Falle der Krankenversicherung zu einer mangelnden Gesundheitsversorgung. Verhaltensökonom Thorsten Hens weist darauf hin, dass Roboadviser es in Krisenfällen nicht mit der (durch Innerlichkeit geprägten) Expertise eines Warren Buffet aufnehmen können.

Aus diesen Gründen empfiehlt sich für die Unternehmensführung von Banken und Versicherungen, aber auch für Gesetzgeber und Regulatoren, nicht zu vorschnell die Diskussion um die Frage zu entscheiden, ob künstliche „Intelligenz“ tatsächlich Intelligenz im menschlichen Sinne ist, ob die Simulation dem Original so nahe kommt, dass sie austauschbar werden könnte. Diese Diskussion sollte breit abgestützt angestossen und geführt werden, damit nicht politisches und ökonomisches Denken und Kalkül (allein) darüber entscheidet, was den Menschen zum Menschen macht und ob eine Maschine, egal wie ausgeklügelt sie auch sein mag, ihn ersetzen wird oder können soll. Das Konzept der Innerlichkeit kann hierbei als Unterscheidungsmerkmal und –kriterium dafür gelten, welche Macht man den lernenden Maschinen resp. deren Schöpfern zugestehen will und sollte.
 

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär, Zürich, 08. November 2017

 

 

 

Ideen für klimafreundliche Finanzprodukte

Die Unterzeichnerstaaten des Pariser Klimaabkommens haben in Artikel 2c festgelegt, dass die globalen Finanzströme mit den festgelegten Klimazielen vereinbar sein müssen:

c) Making finance flows consistent with a pathway towards low greenhouse gas emissions and climate-resilient development.(1)

Als deren Vermittler haben Banken eine wichtige Scharnierfunktion. Das Angebot des Schweizer Finanzmarktes kommt diesem Ziel bisher überwiegend nicht nach.

Der Schweizer Think Tank für Aussenpolitik «foraus» und die «Swiss Finance and Technology Association» kooperieren deshalb für eine Reihe von Veranstaltungen miteinander, um neue Ideen für einen klimafreundlichen Schweizer Finanzplatz zu generieren. Auftakt der Reihe bildete am 3. November ein Workshop in Bern. Das Vorgehen orientierte sich am Design Thinking, einer Problemlösungsmethode, die auf der Annahme basiert, dass Probleme besser gelöst werden, wenn Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten. An sich eine Selbstverständlichkeit, aber nicht ganz so einfach umsetzbar für Angestellte, die sich in Banken für Nachhaltigkeit einsetzen, aber dort oft auf verlorenem Posten stehen. Oft sieht das Management die Nachhaltigkeit als reinen Kostenfaktor. Deshalb blieben in diesem Workshop die Finanzleute auch nicht unter sich. Die Veranstalter hatten Mitarbeitende aus Fintech-Unternehmen und NPOs, Nachhaltigkeitsexperten sowie Studierende aus Politik und Umweltwissenschaften eingeladen, damit neue Ideen in gemischten Teams entstehen konnten. Die Teams konnten zwischen zwei Aufgaben wählen:

  1. neue Policy-Instrumente entwickeln, die die Klimaziele unterstützen
  2. neue nachhaltige Produktangebote für Retailbanken entwickeln

Die grosse Mehrheit der Teams entschied sich für Aufgabe 2, auch wenn ich selber nicht glaube, dass neue Produktangebote alleine ausreichen, um die Problematik in den Griff zu kriegen. Time-Boxing half den Teams, ihre Arbeitsschritte so zu planen, dass sie am Ende auch bewertbare Ergebnisse lieferten.

Die Rechnung ging auf. 90 Sekunden jeweils hatten die Fünfer-Teams, um ihre Ideen zu präsentieren. Eine Gruppe schlug vor, die Risiken des Klimawandels in das Kreditrating von Unternehmen mit aufzunehmen. Wer als Unternehmen die eigenen Klimadaten nicht öffentlich mache, gehöre nicht an den Kapitalmarkt, war die einhellige Meinung. Ein anderes Team schlug den Banken eine Energie-Effizienz-Initiative für Hypothekenangebote vor, denn die Sanierungsrate des Baubestandes in der Schweiz ist sehr tief. Ein weiteres Team empfahl, Banken sollten aktiv nur noch nachhaltige Produkte anbieten. Wer als Kundin oder Kunde keine nachhaltigen Produkte wolle, müsse sich bewusst dagegen entscheiden (Opt-Out). Der Staat spielte in allen Ideen nur als Datenlieferant eine Rolle.

In einem Hackathon werden Mitte November neue Teams die Vorschläge aus Bern auf Umsetzbarkeit überprüfen. Eine Vorreiterrolle erhoffen sich die Teilnehmer für den erforderlichen Innovationsprozess von der Fintech-Branche, so dass die konventionellen Banken irgendwann gezwungen werden, entweder nachzuziehen oder aber vom Markt verdrängt werden. Das ist eine hehre Idee. Ich habe bereits mehrfach (z.B. hier) darüber geschrieben, dass die wenigsten Fintech-Start-Ups die Nachhaltigkeit auf dem Radar haben, obwohl dies eine echte Differenzierungsmöglichkeit zu den konventionellen Banken darstellen würde.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 05. November 2017

Finance Watch lädt zum Blockchain-Workshop ein

Noch eine Event-Ankündigung:

Am 14. November 2017 findet in Brüssel der erste einer Reihe von Finance Watch-Workshops statt. Die Workshops haben zum Ziel, den Mitgliedern von Finance Watch, aber auch Regulierungsbehörden, Journalisten und anderen Interessengruppen die Möglichkeit zu geben, sich mit der vielfältigen und herausfordernden Landschaft von Financial Technologies (FinTech) vertraut zu machen und damit die Diskussion über mögliche gesellschaftliche Auswirkungen dieser Technologien anzuregen. Die Anmeldung ist jetzt offen. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt, um eine rege Debatte zu ermöglichen.

Im ersten Workshop geht es um das Thema Blockchain, technisches Fundament vieler Fintech-Projekte (und auch sonst).

fintech

Die Speaker kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und geben einen Einblick in die grosse Bandbreite der Technologie und ihrer Anwendungen. Ich habe den Workshop zusammen mit Rainer Lenz und Christian Stiefmüller vorbereitet.

Agenda

09.00 – 10.30 Technology teach-in: IT introduction
Tony Willenberg, CTO, Neocapita, Vienna

10.30 – 11.00 Coffee break

11.00 – 12.00 Applications: Digital currencies (Bitcoin, Ethereum, Ripple) 
Demelza Kelso Hays, Ph.D. student in Economics, University of Liechtenstein, Vaduz

12.00 – 13.00 Lunch break

13.00 – 14.00 Applications: Beyond currencies (blockchain-based infrastructure – registers, secure transactions, etc.)
Tony Willenberg, CTO, Neocapita, Vienna

14.00 – 15.00 Applications: Financial sector (securities, payment services, asset management)
Brett Scott, journalist, activist, author, London

15.00 – 15.30 Coffee break

15.30 – 16.30 Application: Smart contracts (private sector)
Tom Debus, Managing Partner at Integration Alpha, Zurich

16.30 – 17.00 The state of blockchain-based initial coin offerings‘ (ICOs) regulation
Prof. Dr. Christian M. Piska, University of Vienna, Dr. Oliver Völkel, Attorney at Law

17.00 Closing remarks

Es wäre toll, wenn ich Sie am Workshop treffen würde. Melden Sie sich an. Die Teilnahme ist kostenlos. Es hät solangs hät.

http://www.finance-watch.org/component/content/article/109-languages/english/1441-fintech-workshop-blockchain

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 25. Oktober 2017

 

 

Event im Zürcher Raum: Der Climate FinTech Hack

Fintech_Unternehmen haben viele Möglichkeiten, die wirtschaftliche Entwicklung im nachhaltigen Sinne zu gestalten. Ihre Produktangebote richten sich zum Beispiel an Menschen, die bisher keinen Zugang zu Bankdienstleistungen hatten (financial inclusion). Dank Automatisierung und Konfigurierbarkeit der Angebote können Kunden ihre Gelder sehr viel bewusster so anlegen, dass ihre Grundwerte nicht verletzt werden (z.B. mit einem SRI-Portfolio bei betterment). Bei den allermeisten Start-Ups aus diesem Bereich sieht es allerdings eher so aus, dass Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaerwärmung eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Es geht vielen eher darum, möglichst schnell und viel an den Margen der Banken zu partizipieren. Das war auch mein Eindruck vom letzten Swiss Fintech Day.

original-logo-v2

Der Think Tank foraus und die Lobbyvereinigung Swiss Finance and Technology Association wollen diese Ausrichtung nun mit einem Hackathon ändern. An einem gemeinsamen Event sollen möglichst viele Ideen zusammenkommen, die so implementiert werden können, dass sie die nachhaltigen Entwicklungsziele, insbesondere aus dem Bereich Klimaschutz, unterstützen. Beide Organisationen begründen ihre Aktivität damit, dass sich die Schweiz als wichtiger internationaler Finanzplatz und als einer der reiferen Finanzmärkte für nachhaltige Finanzanlagen neu positionieren kann.

Der Hackathon besteht aus einer Folge von Events. Als nächstes, am 2. November, steht eine Sammlung von Ideen im Open Situation Room an. Die Veranstalter konfrontieren die teilnehmenden Gruppen mit mehreren ungelösten Problemen. Von der Beschreibung des Events her klingt der Ablauf nach einem Design-Thinking-Workshop mit vielen, regelmässigen Feedback-Loops, in denen die teilnehmenden Gruppen ihre Zwischenergebnisse pitchen. Ich bin ein grosser DT-Fan. Die Methode kommt bei den meisten Studierenden sehr gut an, auch wenn sie anfangs über das Tempo ein wenig erstaunt sind. Design Thinking hängt aber auch viel von einer guten Moderation ab. Ich denke, mit foraus-Mitgliedern in der Moderatorenrolle hat das Event gute Chancen, ein voller Erfolg zu werden. Eine der ausgearbeiteten Ideen fliesst dann in den klassischen Hackathon am 17. und 18. November ein. Weitere Aufgabenstellungen kommen von den Organisatoren.

Den Gewinnern wird eine kleine Geldprämie in Aussicht gestellt und die Teilnahme am Climate-KIC Accelerator.

Mehr Infos zum Ablauf und zu den Terminen finden sich hier. Anmeldungen einzelner Personen, aber auch von Teams, sind noch möglich.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 23. Oktober 2017