ABS mit dem Swiss Ethics Award ausgezeichnet

Anna, Katrin und Melanie: Ich bin stolz auf Euch! 🥰

Auf dem Foto, von links nach rechts: Katrin Pilling, Projektleiterin Unternehmenskommunikation; Anna Cenariu, Leiterin der Fachstelle Nachhaltigkeit, und Melanie Gajowski, Mitglied der Geschäftsleitung der ABS. Fotograf: Ernst Kehrli

Zum ersten Mal ist eine Bank Preisträgerin des Swiss Ethics Award. Das von der ABS eingereichte Projekt «Klima-Aktive ABS» zielt auf den Klimaschutz und zeigt die bedeutende Rolle der Finanzflüsse auf. Der Betrieb einer Bank verursacht nur wenig direkte CO2-Emissionen. Die Geldströme hingegen, die von Banken verwaltet werden, haben eine massive Auswirkung.

Seit 30 Jahren für den Klimaschutz engagiert

Die ABS ist seit ihrer Gründung vor 30 Jahren dem Klimaschutz verpflichtet und zeigt, wie dieser im Bankgeschäft konsequent und dennoch wirtschaftlich erfolgreich angewandt und umgesetzt werden kann. In ihren Anlage- und Kreditrichtlinien hat die ABS Ausschlusskriterien definiert für Bereiche, in welche sie nicht investieren will. So werden beispielsweise Unternehmen ausgeschlossen, die massgeblich zum Klimawandel beitragen. Klimaschädliche Branchen werden ausgeschlossen. Wertpapiere von Ländern, die den Klimaschutz missachten und sich nicht zu den internationalen Klimazielen bekennen, werden nicht berücksichtigt. Gefördert werden hingegen Geschäftsfelder, die eine positive Wirkung auf Gesellschaft und Umwelt ermöglichen.

Transparenz im Kern des Geschäftsmodells

Als erste Schweizer Bank veröffentlichte die ABS 2016 den CO2-Fussabdruck ihrer Anlagen und zeigt transparent auf, wie sie mit dem Anlagegeschäft einen Beitrag zu einer klimafreundlichen Wirtschaft leistet. Zudem publiziert sie im gedruckten Geschäftsbericht jeweils alle vergebenen Kredite.

«Dass wir für unser Engagement im Bereich des Klimaschutzes mit dem Swiss Ethics Award ausgezeichnet ist für uns eine grosse Anerkennung und ein Ansporn für die Zukunft», sagte Anna Cenariu, Leiterin der Fachstelle Nachhaltigkeit bei der ABS, in ihrer Dankesrede nach der Preisverleihung.  

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), Quelle: Pressemitteilung der Alternativen Bank AG vom 24.09.2020

Was ist Gerechtigkeit?

Bereits der Buchtitel verspricht den grossen Wurf: Amartya Sens «Die Idee der Gerechtigkeit» will eine umfassende Theorie der Gerechtigkeit entwerfen. Wie gelingt dies dem Ökonomen und Philosophen? Anna, Marco und Barbara stellen das Buch demnächst im Podcast vor. Das passt zeitlich sehr gut, denn Amartya Sen erhält dieses Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Wem gehört die Flöte?

Wer sich mit Gerechtigkeit und der Theorie der Gerechtigkeit auseinandersetzen möchte, der muss, so meint Amartya Sen, zunächst einmal erkennen, was überhaupt Unrecht ist, „dem man abhelfen kann“ (S.7). Amartya Sen nutzt zur Erläuterung seiner zentralen Idee ein Gedankenexperiment, um in die Problematik einzuführen:

Drei Kinder streiten um eine Flöte. Nur das erste Kind kann darauf spielen. Das zweite Kind ist arm und die Flöte wäre sein einziges Spielzeug. Das dritte Kind hat die Flöte selbst geschnitzt. Wem soll sie nun gehören?

zitiert nach der 2. Ausgabe 2107 (2. Auflage 2020), Peritext vorne.

Eines kann ich vorwegnehmen: Eine einfache, eindeutige Antwort auf dieses Gedankenexperiment gibt Sen nicht. Leitmotivisch kommt er immer wieder auf diese Situation zurück, um seine Ideen und die Auseinandersetzung mit denen anderer Denkern und Denkerinnen, die sich zum Thema geäussert haben, zu vertiefen. Dadurch gibt er uns Lesenden immer wieder neue Anregungen, über Gerechtigkeit und die Bedingungen ihres Entstehens nachzudenken.

Niti und nyaya

Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder die kritische Auseinandersetzung mit dem Werk von John Rawls, der wie kein anderer die akademisch-philosophische Vorstellung von Gerechtigkeit geprägt hat. Dabei greift der Wirtschaftswissenschaftler immer wieder auf eine Unterscheidung zurück, die aus der indischen Rechtsprechung kommt: die Unterscheidung von niti und nyaya, die in Sanskrit beide «Gerechtigkeit» bezeichnen und unterschiedliche Aspekte von Gerechtigkeit meinen:

Niti bezeichnet die Korrektheit von Institutionen und Verhalten, während nyaya erfasst, was entsteht und wie es entsteht, und besonders darauf achtet, welches Leben Menschen tatsächlich führen können. Der Unterschied zwischen beiden Konzepten, […]hilft uns,  zu begreifen, dass es zwei Arten des Gerechtseins gibt, die verschieden, wenn auch nicht unabhängig voneinander sind, und dass die Idee der Gerechtigkeit beide berücksichtigen muss.

zitiert nach der 2. Ausgabe 2107 (2. Auflage 2020), S. 15.

Intellektuelles Vermächtnis

Es geht Sen aber nicht allein um ein Zurechtrücken der Rawlsschen Vorstellungen. Das Buch, so scheint es mir, hat einen stark autobiografischen Charakter. Sens opus magnum zeichnet sehr detailliert seine Auseinandersetzung mit der politischen Philosophie und der Moralphilosophie in den Wirtschaftswissenschaften nach. Dabei tritt er in einen intensiven Dialog mit historischen Figuren, auf die er sich immer wieder bezieht (allen voran Adam Smith und der Marquis de Condorcet). Er bezieht sich aber auch immer wieder auf Lob und Kritik an seinen eigenen Veröffentlichungen seitens seiner Weggefährten und demonstriert so sein weit verzweigtes, interdisziplinäres Netzwerk.

Nun mag diese «Show» des eigenen Denkens und Schaffens (die sich in sehr vielen Fussnoten und Sternchen-Anmerkungen dokumentiert) stellenweise ein wenig eitel wirken. Und nötig hat er es auch nicht, denn 1998 wurde ihm der sogenannte Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen. Immerhin hat das Buch durch die vielen Querverweise und (Selbst-)Referenzen damit auch einen positiven Nebeneffekt: Sen macht deutlich, dass die Ökonomie eine moralische Wissenschaft ist, die sich der politischen Philosophie gegenüber öffnen muss, wenn sie vernunftgeleitete Antworten auf die Fragen der Gerechtigkeit finden möchte.

Doch hat er damit Recht? Wie Gerechtigkeit in Sens Verständnis konkret aussehen kann, das möchten wir miteinander und mit Euch diskutieren, hier in der Buchbesprechung.

Wir danken dem dtv, der uns das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Dieser Text erschien als Ankündigung am 05.09.2020 bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 14. September 2020

Aya Jaff: Keine Angst vor Aktien

«Aktien sind nicht böse», meint Aya Jaff und hat deshalb ein Buch über die Börse geschrieben. Ihr Ziel ist es, jungen Menschen Angst vor der Börse zu nehmen. Das tut sie, indem sie über das, was dort geschieht, in leicht verständlicher Form aufklärt und Geschichten über wirtschaftliche Akteure erzählt. Gelingt ihr dies? Marco, Anna und Barbara besprechen Jaffs «Moneymakers. Wie du die Börse für dich entdecken kannst» in unserer nächsten Runde der Buchkritik.

Wer ist Aya Jaff?

Aya Jaff ist eine 24-jährige Studentin der Wirtschaftswissenschaften und Sinologie. Sie ist im Teenageralter als Mitgründerin und CTO des Börsenspiels «Tradity» für deutsche Schulen bekannt geworden. Als 15-Jährige ging sie mit einem Stipendium nach Kalifornien, um an der Draper University die Grundlagen des Business Development kennenzulernen. Inzwischen hat sie mehrere eigene Firmen gegründet und berät andere, die dies gerne tun möchten. Daher wird sie gerne gebucht als Rednerin für Themen wie Start-Up-Entwicklung, Frauen in technischen Berufen sowie Coding und Trading. Geboren im Irak, kam Jaff im Alter von einem Jahr mit ihren Eltern und der Schwester nach Nürnberg.

Hier stellt sie sich und ihr Buch bei Böhmermann vor:

Worum geht es bei den «Moneymakers»?

Das Buch ist nicht ganz so einfach zusammenzufassen, weil es aus einem Mash-Up verschiedener Elemente besteht. Da gibt es Informationsblöcke, in denen Grundprinzipien des Wirtschaftens und des unternehmerischen Denkens leicht verständlich erklärt werden. Dazu gehört auch im letzten Kapitel ein Werkzeugkasten von Apps und weiteren Informationen, die helfen, sich aktiv mit dem Börsengeschehen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig geht es jedoch nicht nur um die Börse aus Anlegersicht, sondern um das «Mind-Set», das es braucht, um als Unternehmer oder Unternehmerin an der Börse erfolgreich zu landen. Deswegen gibt Jaff Einblicke in technologische Trends sowohl aus dem Silicon Valley wie auch aus China. Ebenso wie wir hat sie Kai-Fu Lees Buch über die AI Superpowers gelesen. Angereichert werden die Informationsteile durch zahlreiche Vignetten, in denen sie Persönlichkeiten vorstellt, die «Moneymaker» sind. Deren Geschichten haben sozusagen Vorbildcharakter und zeigen, wie man mit Wirtschaft und Geld umgehen kann.

«Mama didn’t raise no fool»

Aus meiner Sicht lassen sich Text und Person am besten mit einem Zitat von Jay-Z zusammenfassen, das Jaff selber in ihrem Buch bringt (S. 27). Sie ist ein Genie in Sachen Selbstvermarktung:

I sell ice in the winter,
I sell fire in hell,
I am a hustler baby,
I’ll sell water to a well.

Jay-Z, U don’t know, https://www.youtube.com/watch?v=TdAY2g39GdI

Doch genug der Vorrede. Hier könnt Ihr unsere Diskussion über ihr Buch hören:

https://mikrooekonomen.de/podcast/episode/mikrobuch015-geldscheffeln-fuer-anfaenger/

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 09. Juli 2020

Der Wert von (Unternehmens-)Werten

Wenn in diesem Beitrag von (Unternehmens)Werten im Sinne von Corporate Values die Rede ist, so sind damit nicht materielle Werte, die man in Zahlen oder genauer in einem Geldbetrag ausdrücken kann, gemeint. Hier soll die Rede von jenen Werten sein, die man in einem Unternehmen meistens in einem Prospekt, oft Code of Ethics oder Code of Conduct betitelt, findet.

Unter solchen Werten, die meistens direkt aus dem Englischen übernommen werden, befinden sich beispielsweise Ausdrücke wie respect, responsability und sustainability. Nur sind diese Ausdrücke, bei denen es sich sehr oft um substantivierte Adjektive oder Verben handelt, keine Werte im eigentlichen, ethischen Sinn. Die Tatsache, dass es sich bei diesen sogenannten Unternehmenswerten um substantivierte Adjektive oder Verben handelt, illustriert, wozu diese Werte in den Unternehmen dienen sollen. Es handelt sich in gewissem Sinne um grammatische „Werte“ (Adjektive), um die Qualität eines Substantivs (des Unternehmens) zu bezeichnen (z.B. „the quality of being responsible“) oder um eine Tätigkeit (Verben, „the act of showing attention“), die im Zusammenhang mit dem Objekt und der Bewertung der Handlung die Qualität des Tätigen (wiederum des Unternehmens) beschreibt.

Nun implizieren Adjektive und Verben neben der Bedeutung, die sie dem Substantiv resp. der Handlung oder den Handelnden geben, auch einen darüberhinaus reichenden Zweck. Eine Handlung verweist über den Handelnden hinaus auf einen Zweck, den die Handlung und somit der Handelnde verfolgt. Auch ein Adjektiv kategorisiert das Substantiv, auf welches es bezogen ist nochmals nach bestimmten Kategorien, die zwecksetzenden Charakter haben, resp. einen Zweck verfolgen.

Möchte man nun etwas über die Werte eines Unternehmens wissen, also dessen tatsächlichen Unternehmenswerte kennen, dann sollte eben diese Zwecke  in den Blickpunkt rücken, denn diese sind die tatsächlichen Unternehmenswerte oder weisen auf die tatsächlichen Werte hin. Hierbei können die Vision/Strategie und das sog. Mission Statement eines Unternehmens hilfreich sein, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Da es sich bei diesen Dokumenten jedoch um einen ähnlichen Typ von Dokument wie beim Code of Ethics oder Code of Conduct handelt, ist auch hier ein tiefergehender Blick notwendig.

An dieser Stelle nun kommen die materiellen Werte, also jene, die man in Zahlen und Geldbeträgen ausdrücken kann, wieder ins Spiel. Dies aus dem einfachen Grund, dass es ein Leichtes ist, etwas über die eigentlichen bzw. hintergründigen Zwecke eines Unternehmens herauszufinden, wenn man dessen Investitionen untersucht. Salopp ausgedrückt bedeutet dies, dass die Werte eines Unternehmens daran abgelesen werden können, wofür das Unternehmen Geld ausgibt.

Um also eine Einschätzung zu geben, ob (Unternehmens-)Werte mehr sind als schöne Worte und auch tatsächlich gelebt werden, muss eine allfällige Analyse derselben weitergehen als eine ausschliessliche Untersuchung des Code of Conduct/Code of Ethics eines Unternehmens. Eine solche Untersuchung müsste die offiziell kommunizierten (Unternehmens)Werte  eine Stufe tiefer nach deren eigentlichen Zwecken durchleuchten. Erst dann ist es möglich, anhand der relevanten Finanzkennzahlen die Investitionen in die tatsächlichen Zwecke freizulegen und eine Rangordnung dieser Zwecke und der eigentlichen Unternehmenswerte  festzulegen.

Dies kann auch dazu führen, dass bei einer solche zahlenbasierten Betrachtung weder die offiziell kommunizierten Werte noch die Zwecke weit oben erscheinen, da die Investitionen wiederum ein ganz anderes Bild abgeben können.

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär Zürich, 02. Juli 2020

Save the Date: 1. Klimakonferenz an der HSR in Rapperswil

Heute gibt es einmal eine Eventankündigung in eigener Sache:

Am 16. September findet an der Hochschule für Technik Rapperswil die 1. Klimakonferenz statt.

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Schnappschuss von der Power-to-Methane-Anlage der HSR

Organisiert wird die Konferenz vom Klimacluster der HSR. Dieses bündelt das an der HSR vorhandene Wissen der einzelnen Institute und ermöglicht so eine intensive interdisziplinäre und praxisorientierte Zusammenarbeit zur Vermeidung und Bewältigung des Klimawandels.

Als Speaker werden meine Kollegen Markus Friedl, Susanne Kytzia, Igor Mojic, Henrik Nordborg und Dominik Siegrist klimarelevantes Arbeiten an der HSR vorstellen. Als Keynote Speaker haben wir Anton Gunzinger eingeladen, der uns zeigen wird, wie die Energiewende in der Schweiz gelingen kann. Die anschliessende Diskussion werde ich moderieren.

Mehr Informationen zur Anmeldung findet Ihr auf der Veranstaltungseite des Klimaclusters. Die ursprünglich für April geplante halbtägige Konferenz musste wegen der Corona-Restriktionen auf den Beginn des Herbstsemesters verschoben werden. Derzeit gehen wir davon aus, dass die Klimakonferenz wie geplant vor Ort unter Einhaltung der Hygiene- und Verhaltensregeln des BAG stattfinden wird.

Geballtes Wissen für den US-Wahlkampf

Rechtzeitig für den US-Wahlkampf hat Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz seine bisherigen Bücher in einem neuen Buch zusammengefasst. Es trägt den Titel Der Preis des Profits. Wir müssen den Kapitalismus vor sich selber retten. Das Buch ist nicht antikapitalistisch, im Gegenteil. Der realistischere Untertitel würde eher in die Richtung „Wir müssen die USA vor den Trumponomics retten“ gehen. Stiglitz nimmt nicht nur die sozioökonomische Situation in den USA auseinander, um einen erneuten Wahlsieg Trumps zu verhindern. Er entwirft auch ein Gegenprogramm, das die USA zu einer sozialeren und gerechteren liberalen Demokratie machen würde.

Als Stiglitz das Buch im englischen Original Ende letzten Jahres publizierte, hatte er – wie wir alle – keine Ahnung, was uns und speziell die USA 2020 erwarten würde. Angesichts der derzeitigen Eskalation so vieler sozialer und ökonomischer Probleme in den USA ist das gut sozialdemokratische Wirtschaftsprogramm von Stiglitz aktueller denn je. Hier ein Zitat aus dem Buch (S. 239 der deutschen Ausgabe):

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Bei den Mikroökonomen haben wir Stiglitz‘ neues Buch besprochen. Unter folgendem Link sowie bei allen gängigen Podcast-Verteilern könnt Ihr unsere Debatte herunterladen und hören: https://mikrooekonomen.de/podcast/episode/mikrobuch013-josef-e-stiglitz-der-preis-seines-aktivismus/

 

Emile Zola über das Geld und die Börse

Einige Male haben wir uns in unserem Buch-Podcast bereits darüber aufgeregt, wie schlecht manches Buch zu Wirtschaftsthemen geschrieben ist: redundant, schwer verständlich oder aber zu marktschreierisch.

Deshalb haben wir uns bei der letzten Buchbesprechung der Mikroökonomen an einen Klassiker der Weltliteratur gewagt: Emile Zolas Geld. Wir wollten herausfinden, ob die Fiktion besser als die Sachbeschreibung der Wirtschaft sein kann. Zolas Buch erschien zunächst als Fortsetzungsroman zwischen den Jahren 1890-191 in einer Zeitschrift. Zolas warnt in seinem Sittengemälde vor Spekulationen, Insider-Handel und anderen betrügerischen Finanztransaktionen, die trotz der zeitlichen Ferne des Romans sehr stark an den heutigen Börsenbetrieb erinnern.

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Hier könnt Ihr unsere Besprechung hören und kommentieren: https://mikrooekonomen.de/podcast/episode/mikrobuch012-wen-macht-geld-gluecklich/(oder aber abonniert den Podcast „Mikroökonomen“ über Eure bevorzugte Podcast-App bzw. Spotify).

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 06. Mai 2020

 

 

 

Helping someone else through difficulty is where civilization starts.

Anthropologin Margaret Mead zur gegenwärtigen Situation. Ein Thread, der hier beginnt: Anthropologist Margaret Mead was asked by a student what she considered to be the first sign of civilization in a culture. Mead said that the first sign of civilization in an ancient culture was a femur (thighbone) that had been broken and then healed. […]

Monopole im digitalen Kapitalismus

In der aktuellen Folge des MikroBuchs haben wir uns mit den Monopolisierungstrends der Digitalwirtschaft beschäftigt. Als Diskussionsgrundlage dienen uns Philipp Staabs Buch «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit» (2019) und Peter Thiels «From Zero to One. Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet» (2014).

«Competition is for losers»

Wettbewerb gilt als Grundlage einer erfolgreichen Wirtschaft und gesellschaftlicher Wohlfahrt. Der Markt sorgt dafür, dass das rationale Streben der Akteure nach maximalem Gewinn zu einer effizienten Allokation der knappen Güter führt. Davon haben dann alle etwas, so die Theorie. Das Monopol als Abwesenheit von Wettbewerb wird deshalb in der klassischen Wirtschaftstheorie  – bis auf wenige Ausnahmen – verteufelt.

Peter Thiel hat in seinem Bestseller, der auf den Vorlesungsnotizen seines Studenten Blake Masters basiert, diese unkritische Huldigung des Wettbewerbs entzaubert. Denn Kapitalismus, so zitiert Thiel unter Rückgriff auf Schumpeter die klassische Theorie, basiert auf der Akkumulation von Kapital. Doch im perfekten Wettbewerb fallen sämtliche Gewinne dem Konkurrenzkampf zum Opfer (Thiel, S. 28). Wer als Unternehmen also erfolgreiche Gewinne einfahren möchte, sollte darauf achten, dass er alleine einen Markt besetzt. Solche Unternehmen sind kreative Monopolisten.

Jedes dieser Monopole ist einzigartig und Thiel skizziert mehrere Eigenschaften, die das Entstehen einer solchen Alleinstellung möglich machen: eine eigene Technologie, Netzwerkeffekte, Grössenvorteile und Markenbildung.

Thiel schrieb sein Buch als Manifest gegen Konformität im Unternehmertum. Nur wer es schafft, konträr zur landläufigen Meinung zu denken und zu handeln, ist in der Lage, ein erfolgreiches Monopolunternehmen aufzubauen und der Gesellschaft zu nutzen.

Vom digitalisierten Kapitalismus zum privatisierten Merkantilismus

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Thiels Querdenker-Buch ist zur Blaupause des digitalisierten Kapitalismus geworden. Die Überschrift zu seinem Beitrag in der Washington Post, in dem er sein Buch werbewirksam ankündigte, ist längst zum geflügelten Wort in Start-Up-Kreisen geworden: «Competition is for losers.». Die erfolgreichsten globalen Unternehmen scheinen seinem Mantra gläubig zu folgen: Die US-Unternehmen Google, Amazon, Facebook und Apple (GAFA) ebenso wie die chinesischen Firmen Baidu, Alibaba und Tencent (BAT). Und tatsächlich beherrschen diese Firmen inzwischen nicht nur ganze Märkte als klassische Monopolisten, sondern sie haben diese Märkte erst geschaffen. Sie sind ihre Eigentümer geworden. Das ist jedenfalls die Kernthese von Philipps Staabs neuem Buch «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit». Je näher das Angebot einer dieser Metaplattformen dem Angebot des Gesamtmarkts kommt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Kunden sie wieder verlassen (Staab, S. 185). Staab zeichnet die Phasen nach, die diese neue Form des Kapitalismus erst möglich gemacht haben:

  1. Liberalisierung der Märkte
  2. Wachstum im Mobilfunkbereich
  3. Aufstieg des Internets als Basistechnologie mobiler Kommunikation

Die Globalisierung bezeichnet Staab dabei als Steigbügelhalter dieser Entwicklung. Staab untersucht detailliert die merkantilistischen Mechanismen, die diese Unternehmen entwickelt haben, um ihre Monopolstellung zu zementieren:

  • Informationskontrolle
  • Zugangskontrolle
  • Preiskontrolle
  • Leistungskontrolle (Staab, S. 173).

Gute Monopolisten, schlechte Monopolisten

Im Gegensatz zu Thiel sieht Staab in diesen Monopolkonstellationen erhebliche Nachteile für die Gesellschaft. Er zeigt, wie Praktiken der Kundengewinnung und -bindung auf diesen Plattformen zu Bewertungs- und Überwachungsmechanismen werden, die in unser alltägliches Zusammenleben vordringen, die Ungleichheit vergrößern und überhaupt den Begriff dessen, was mit «sozial» gemeint sein könnte, auf den Kopf stellen.

Gibt es eine Möglichkeit, dieser Vorherrschaft des digitalen Kapitalismus etwas entgegenzusetzen? Wir haben im Podcast bei den Mikroökonomen ausgiebig über diese Frage diskutiert. Hier könnt Ihr unsere Debatte nachhören und Euch an der Diskussion beteiligen.

 

 

Mehr Nachhaltigkeit dank Parallelwährungen: Kann das funktionieren?

Im Rahmen der Reihe „Neue Wirtschaftsmodelle“ lud der Kulturpark Zürich am 31.10. zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung zum Thema „Nachhaltiges Geld für eine nachhaltige Zukunft“ ein. Konkret ging es darum, ob und wie Parallelwährungen helfen können, die Nachhaltigkeitsziele der UN zu finanzieren.

Die Nachhaltigkeitsziele der UN stehen für einen grossen, globalen Konsens. Unser derzeitiges Wirtschafts- und Gesellschaftssystem weist zahlreiche Dysfunktionen auf, die bis zum Jahr 2030 behoben werden müssen. Dennoch bleiben zwei Kernthemen aussen vor: Zum einen, wie das Erreichen der Ziele finanziert werden soll. Zum anderen bleibt das Geldsystem als tragendes Element unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Miteinanders völlig unerwähnt. Das klingt absurd, meint der Veranstalter, denn mit Geld wird die ganze Wirtschaft betrieben, in Geld werden alle wichtigen Wirtschaftsindikatoren gemessen und am Geld entscheidet sich, was möglich ist und was nicht. 

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Für den ersten Redner, Stefan Brunnhuber, Psychiater und Ökonom, besteht kein Zweifel: Eine globale Parallelwährung kann Abhilfe schaffen. Sich zur Erreichung der Zeile alleine auf den Markt zu verlassen, helfe wenig, da 2/3 der SDGs sich auf Allgemeingüter beziehen, war seine Ausgangsthese. Das derzeitige Finanzsystem bezeichnet er als entropischen Sektor, der weitgehend mit sich und der Beseitigung der von ihm angerichteten Schäden beschäftigt sei. Er schlägt deshalb vor, optional eine zusätzliche globale Parallelwährung einzuführen, die nur einen Verwendungszweck kennt: die Erreichung der Nachhaltigskeitsziele. Diese Parallelwährung ist eine rein digitale Währung, die zusätzliche zweckgebundene Liquidität schafft. Die Zweckgebundenheit wird via Smart Contracts sichergestellt. Das Monitoring der Transaktionen soll der UN obliegen. Mit dieser zusätzlichen Währung möchte er vor allem institutionelle Anleger anlocken, die nicht nur langfristig und regelmässig Gewinne für ihre Zielgruppen erwirtschaften wollen, sondern ein immer grösseres Interesse daran haben, ihre risikoreichen, C02-lastigen Assets loszuwerden.

 

Das klingt nach intellektuellem Höhenflug, dem der Nachweis der Umsetzbarkeit noch fehlt. Den lieferte Claudio Gisler, Marketing- und Produktchef der Basler WIR-Bank. Er stellte in seinem Referat die bestens bekannte Parallelwährung WIR vor, die seit 1934 in der Schweiz im Umlauf und an den Schweizer Franken gekoppelt ist. Die Bank wurde in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise als Genossenschaft gegründet, damit sich Schweizer Unternehmen solidarisch mit Liquidität versorgen konnten. So blieb der WIR in der Schweizer Wirtschaft und kurbelte sie an. Gisler bezeichnete den WIR als Schmiermittel, das gut funktioniert, weil alle Teilnehmenden einen klaren Vorteil von seiner Nutzung haben. Hauptmerkmal des WIR ist die Zinsfreiheit. Die Guthaben werden nicht verzinst, damit das Geld schnell wieder in Umlauf kommt. Früher musste sogar eine Gebühr für Guthaben gezahlt werden. Heute muss sich die Mittelstandsbank Neues einfallen lassen, denn die Schweizer Nationalbank kopiert mit ihrer Zinspolitik die ursprüngliche Geschäftsidee der WIR-Bank. Angesichts schrumpfender Umsätze im WIR-System schlug er vor, ob die Bank nicht einen Green Coin einführen solle. Die Überlegungen sind aber nicht abgeschlossen.

Domagoj Arapovic beurteilte die Idee der Parallelwährungen aus makroökonomischer Sicht. Er ist Senior Economist bei der Raiffeisenbank. Er machte gleich zu Beginn klar, dass das Finanzsystem überhaupt nicht nachhaltig ist. Das führt er vor allem auf die impliziten Staatsgarantien zurück, durch die die Banken zu hohe Risiken eingehen würden. Das Geldsystem, wie es heute existiere, werde zu oft als naturgegeben hingenommen. In diesem Bereich sei mehr Forschung notwendig, um Alternativen zu entwickeln. Dennoch zeigte er sich als Ökonom gegenüber einem grossflächigen Einsatz von Parallelwährungen eher skeptisch, da diese zu Effizienzverlusten und möglichen Inflationsrisiken führen könnten. Ihm war es an dieser Stelle wichtig, dass er damit nicht für die ganze Raiffeisenbank sprechen könne, sondern für sich als Privatperson. Er plädierte stattdessen für mehr finanzielle Anreize und Lenkungsabgaben zur Stärkung der Nachhaltigkeit. Das sei auch für die Bürger und Bürgerinnen leichter verständlich. Und ganz ohne Einschränkung werde es sowieso nicht gehen, schloss er.

So divers wie die Redner, zeigten sich auch die Fragen und Beiträge aus dem Publikum. Leider entfernte sich die Diskussion recht schnell von den Redebeiträgen, da es doch in zahlreichen Wortmeldungen mehr um ideologische Selbstdarstellung, als um die Suche nach Dialog ging. Die zahlreichen Thesen, Kommentare und Appelle aus dem Publikum zeigten mir aber auch, wie zersplittert die Gruppe der Menschen ist, die sich für eine grundlegende Überprüfung unseres Geldsystems interessiert. Das ist keine Gemeinschaft.

Dabei wäre es so wichtig, zunächst einmal eine gemeinsame Wertebasis zu schaffen, die eine engere und regelmässige Zusammenarbeit dieser Menschen ermöglicht. Denn Einzelmasken, unabhängig davon, wie überzeugend oder abgefahren ihre Ideen sind, werden das System nicht ändern können. Es wäre begrüssenswert, wenn der Kulturpark als Veranstalter und Jens Martignoni als Organisator und Moderator des Abends Raum und Zeit schaffen würden, dass sich eine Arbeitsgruppe „Nachhaltiges Geld“ in Zürich etablieren könnte, die regelmässig zusammenkommt und das Thema vorantreibt. Der Anlass war ein guter Einstieg. Wir Vorbänker stellen unser Forum auch gerne für Themen rund ums Geldsystem zur Verfügung und würden mitarbeiten.

Und vielleicht schaffen wir es dann auch, dass solche Podiumsdiskussionen nicht mehr nur männlich besetzt sind. Es geht eben nie nur um Geld allein.

Hier gibt es einen Link zur Aufzeichnung des Abends: https://www.kulturpark.ch/neuewirtschaft

Herzlichen Dank an Jens Martignoni, der mir eine Freikarte für die Abendveranstaltung zur Verfügung gestellt hat.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 07. November 2019