Helping someone else through difficulty is where civilization starts.

Anthropologin Margaret Mead zur gegenwärtigen Situation. Ein Thread, der hier beginnt: Anthropologist Margaret Mead was asked by a student what she considered to be the first sign of civilization in a culture. Mead said that the first sign of civilization in an ancient culture was a femur (thighbone) that had been broken and then healed. […]

Monopole im digitalen Kapitalismus

In der aktuellen Folge des MikroBuchs haben wir uns mit den Monopolisierungstrends der Digitalwirtschaft beschäftigt. Als Diskussionsgrundlage dienen uns Philipp Staabs Buch «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit» (2019) und Peter Thiels «From Zero to One. Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet» (2014).

«Competition is for losers»

Wettbewerb gilt als Grundlage einer erfolgreichen Wirtschaft und gesellschaftlicher Wohlfahrt. Der Markt sorgt dafür, dass das rationale Streben der Akteure nach maximalem Gewinn zu einer effizienten Allokation der knappen Güter führt. Davon haben dann alle etwas, so die Theorie. Das Monopol als Abwesenheit von Wettbewerb wird deshalb in der klassischen Wirtschaftstheorie  – bis auf wenige Ausnahmen – verteufelt.

Peter Thiel hat in seinem Bestseller, der auf den Vorlesungsnotizen seines Studenten Blake Masters basiert, diese unkritische Huldigung des Wettbewerbs entzaubert. Denn Kapitalismus, so zitiert Thiel unter Rückgriff auf Schumpeter die klassische Theorie, basiert auf der Akkumulation von Kapital. Doch im perfekten Wettbewerb fallen sämtliche Gewinne dem Konkurrenzkampf zum Opfer (Thiel, S. 28). Wer als Unternehmen also erfolgreiche Gewinne einfahren möchte, sollte darauf achten, dass er alleine einen Markt besetzt. Solche Unternehmen sind kreative Monopolisten.

Jedes dieser Monopole ist einzigartig und Thiel skizziert mehrere Eigenschaften, die das Entstehen einer solchen Alleinstellung möglich machen: eine eigene Technologie, Netzwerkeffekte, Grössenvorteile und Markenbildung.

Thiel schrieb sein Buch als Manifest gegen Konformität im Unternehmertum. Nur wer es schafft, konträr zur landläufigen Meinung zu denken und zu handeln, ist in der Lage, ein erfolgreiches Monopolunternehmen aufzubauen und der Gesellschaft zu nutzen.

Vom digitalisierten Kapitalismus zum privatisierten Merkantilismus

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Thiels Querdenker-Buch ist zur Blaupause des digitalisierten Kapitalismus geworden. Die Überschrift zu seinem Beitrag in der Washington Post, in dem er sein Buch werbewirksam ankündigte, ist längst zum geflügelten Wort in Start-Up-Kreisen geworden: «Competition is for losers.». Die erfolgreichsten globalen Unternehmen scheinen seinem Mantra gläubig zu folgen: Die US-Unternehmen Google, Amazon, Facebook und Apple (GAFA) ebenso wie die chinesischen Firmen Baidu, Alibaba und Tencent (BAT). Und tatsächlich beherrschen diese Firmen inzwischen nicht nur ganze Märkte als klassische Monopolisten, sondern sie haben diese Märkte erst geschaffen. Sie sind ihre Eigentümer geworden. Das ist jedenfalls die Kernthese von Philipps Staabs neuem Buch «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit». Je näher das Angebot einer dieser Metaplattformen dem Angebot des Gesamtmarkts kommt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Kunden sie wieder verlassen (Staab, S. 185). Staab zeichnet die Phasen nach, die diese neue Form des Kapitalismus erst möglich gemacht haben:

  1. Liberalisierung der Märkte
  2. Wachstum im Mobilfunkbereich
  3. Aufstieg des Internets als Basistechnologie mobiler Kommunikation

Die Globalisierung bezeichnet Staab dabei als Steigbügelhalter dieser Entwicklung. Staab untersucht detailliert die merkantilistischen Mechanismen, die diese Unternehmen entwickelt haben, um ihre Monopolstellung zu zementieren:

  • Informationskontrolle
  • Zugangskontrolle
  • Preiskontrolle
  • Leistungskontrolle (Staab, S. 173).

Gute Monopolisten, schlechte Monopolisten

Im Gegensatz zu Thiel sieht Staab in diesen Monopolkonstellationen erhebliche Nachteile für die Gesellschaft. Er zeigt, wie Praktiken der Kundengewinnung und -bindung auf diesen Plattformen zu Bewertungs- und Überwachungsmechanismen werden, die in unser alltägliches Zusammenleben vordringen, die Ungleichheit vergrößern und überhaupt den Begriff dessen, was mit «sozial» gemeint sein könnte, auf den Kopf stellen.

Gibt es eine Möglichkeit, dieser Vorherrschaft des digitalen Kapitalismus etwas entgegenzusetzen? Wir haben im Podcast bei den Mikroökonomen ausgiebig über diese Frage diskutiert. Hier könnt Ihr unsere Debatte nachhören und Euch an der Diskussion beteiligen.

 

 

Mehr Nachhaltigkeit dank Parallelwährungen: Kann das funktionieren?

Im Rahmen der Reihe „Neue Wirtschaftsmodelle“ lud der Kulturpark Zürich am 31.10. zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung zum Thema „Nachhaltiges Geld für eine nachhaltige Zukunft“ ein. Konkret ging es darum, ob und wie Parallelwährungen helfen können, die Nachhaltigkeitsziele der UN zu finanzieren.

Die Nachhaltigkeitsziele der UN stehen für einen grossen, globalen Konsens. Unser derzeitiges Wirtschafts- und Gesellschaftssystem weist zahlreiche Dysfunktionen auf, die bis zum Jahr 2030 behoben werden müssen. Dennoch bleiben zwei Kernthemen aussen vor: Zum einen, wie das Erreichen der Ziele finanziert werden soll. Zum anderen bleibt das Geldsystem als tragendes Element unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Miteinanders völlig unerwähnt. Das klingt absurd, meint der Veranstalter, denn mit Geld wird die ganze Wirtschaft betrieben, in Geld werden alle wichtigen Wirtschaftsindikatoren gemessen und am Geld entscheidet sich, was möglich ist und was nicht. 

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Für den ersten Redner, Stefan Brunnhuber, Psychiater und Ökonom, besteht kein Zweifel: Eine globale Parallelwährung kann Abhilfe schaffen. Sich zur Erreichung der Zeile alleine auf den Markt zu verlassen, helfe wenig, da 2/3 der SDGs sich auf Allgemeingüter beziehen, war seine Ausgangsthese. Das derzeitige Finanzsystem bezeichnet er als entropischen Sektor, der weitgehend mit sich und der Beseitigung der von ihm angerichteten Schäden beschäftigt sei. Er schlägt deshalb vor, optional eine zusätzliche globale Parallelwährung einzuführen, die nur einen Verwendungszweck kennt: die Erreichung der Nachhaltigskeitsziele. Diese Parallelwährung ist eine rein digitale Währung, die zusätzliche zweckgebundene Liquidität schafft. Die Zweckgebundenheit wird via Smart Contracts sichergestellt. Das Monitoring der Transaktionen soll der UN obliegen. Mit dieser zusätzlichen Währung möchte er vor allem institutionelle Anleger anlocken, die nicht nur langfristig und regelmässig Gewinne für ihre Zielgruppen erwirtschaften wollen, sondern ein immer grösseres Interesse daran haben, ihre risikoreichen, C02-lastigen Assets loszuwerden.

 

Das klingt nach intellektuellem Höhenflug, dem der Nachweis der Umsetzbarkeit noch fehlt. Den lieferte Claudio Gisler, Marketing- und Produktchef der Basler WIR-Bank. Er stellte in seinem Referat die bestens bekannte Parallelwährung WIR vor, die seit 1934 in der Schweiz im Umlauf und an den Schweizer Franken gekoppelt ist. Die Bank wurde in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise als Genossenschaft gegründet, damit sich Schweizer Unternehmen solidarisch mit Liquidität versorgen konnten. So blieb der WIR in der Schweizer Wirtschaft und kurbelte sie an. Gisler bezeichnete den WIR als Schmiermittel, das gut funktioniert, weil alle Teilnehmenden einen klaren Vorteil von seiner Nutzung haben. Hauptmerkmal des WIR ist die Zinsfreiheit. Die Guthaben werden nicht verzinst, damit das Geld schnell wieder in Umlauf kommt. Früher musste sogar eine Gebühr für Guthaben gezahlt werden. Heute muss sich die Mittelstandsbank Neues einfallen lassen, denn die Schweizer Nationalbank kopiert mit ihrer Zinspolitik die ursprüngliche Geschäftsidee der WIR-Bank. Angesichts schrumpfender Umsätze im WIR-System schlug er vor, ob die Bank nicht einen Green Coin einführen solle. Die Überlegungen sind aber nicht abgeschlossen.

Domagoj Arapovic beurteilte die Idee der Parallelwährungen aus makroökonomischer Sicht. Er ist Senior Economist bei der Raiffeisenbank. Er machte gleich zu Beginn klar, dass das Finanzsystem überhaupt nicht nachhaltig ist. Das führt er vor allem auf die impliziten Staatsgarantien zurück, durch die die Banken zu hohe Risiken eingehen würden. Das Geldsystem, wie es heute existiere, werde zu oft als naturgegeben hingenommen. In diesem Bereich sei mehr Forschung notwendig, um Alternativen zu entwickeln. Dennoch zeigte er sich als Ökonom gegenüber einem grossflächigen Einsatz von Parallelwährungen eher skeptisch, da diese zu Effizienzverlusten und möglichen Inflationsrisiken führen könnten. Ihm war es an dieser Stelle wichtig, dass er damit nicht für die ganze Raiffeisenbank sprechen könne, sondern für sich als Privatperson. Er plädierte stattdessen für mehr finanzielle Anreize und Lenkungsabgaben zur Stärkung der Nachhaltigkeit. Das sei auch für die Bürger und Bürgerinnen leichter verständlich. Und ganz ohne Einschränkung werde es sowieso nicht gehen, schloss er.

So divers wie die Redner, zeigten sich auch die Fragen und Beiträge aus dem Publikum. Leider entfernte sich die Diskussion recht schnell von den Redebeiträgen, da es doch in zahlreichen Wortmeldungen mehr um ideologische Selbstdarstellung, als um die Suche nach Dialog ging. Die zahlreichen Thesen, Kommentare und Appelle aus dem Publikum zeigten mir aber auch, wie zersplittert die Gruppe der Menschen ist, die sich für eine grundlegende Überprüfung unseres Geldsystems interessiert. Das ist keine Gemeinschaft.

Dabei wäre es so wichtig, zunächst einmal eine gemeinsame Wertebasis zu schaffen, die eine engere und regelmässige Zusammenarbeit dieser Menschen ermöglicht. Denn Einzelmasken, unabhängig davon, wie überzeugend oder abgefahren ihre Ideen sind, werden das System nicht ändern können. Es wäre begrüssenswert, wenn der Kulturpark als Veranstalter und Jens Martignoni als Organisator und Moderator des Abends Raum und Zeit schaffen würden, dass sich eine Arbeitsgruppe „Nachhaltiges Geld“ in Zürich etablieren könnte, die regelmässig zusammenkommt und das Thema vorantreibt. Der Anlass war ein guter Einstieg. Wir Vorbänker stellen unser Forum auch gerne für Themen rund ums Geldsystem zur Verfügung und würden mitarbeiten.

Und vielleicht schaffen wir es dann auch, dass solche Podiumsdiskussionen nicht mehr nur männlich besetzt sind. Es geht eben nie nur um Geld allein.

Hier gibt es einen Link zur Aufzeichnung des Abends: https://www.kulturpark.ch/neuewirtschaft

Herzlichen Dank an Jens Martignoni, der mir eine Freikarte für die Abendveranstaltung zur Verfügung gestellt hat.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 07. November 2019

 

 

Neue Erkenntnisse zur Arbeit der Treuhandanstalt

Rechtzeitig zur 30. Wiederkehr des Mauerfalls am 09. November möchte ich unsere letzte Buchbesprechung bei den Mikroökonomen verlinken.

Im letzten MikroBuch-Podcast sprachen wir nämlich über Norbert F. Pötzls aktuelle Analyse der Treuhandanstalt. Ziel seines Buches ist es, den zahlreichen Legenden über die Treuhandanstalt mit nachprüfbaren Fakten entgegenzutreten, ohne dass dabei übersehen wird, dass Erinnerungen auch von Emotionen bestimmt werden. Anhand von erst seit Kurzem zugänglichen Dokumenten soll aufgezeigt werden, was man wissen kann, wenn man es wissen will (Pötzl, S. 31). Pötzl versucht sich also an einer Neubewertung der Treuhandanstalt, die oft als Sündenbock für die Fehlschritte im Rahmen der Wiedervereinigung genannt wird.

Berlin, Mitte, Wilhelmstraße, Detlev-Rohwedder-Haus

Der Journalist Norbert F. Pötzl  analysiert die turbulenten Jahre der Treuhandanstalt in seinem neuen Buch «Der Treuhand-Komplex. Legenden. Fakten. Emotionen» anhand zahlreicher Akten und Interviews. Pötzl war langjähriger Spiegel-Redakeur und leitete von 1990-1994 das Berliner Büro des Magazins. Er kommt zu einem positiveren, differenzierteren Bild.

Die grosse Frage bleibt: Was hilft diese Form der Neubewertung für die Gestaltung der Zukunft? Haben nicht alle längst ihr Bild im Kopf? Darüber haben Marco, Anna und Barbara diskutiert.

Die Episode könnt Ihr hier nachhören. Auf der Seite findet Ihr auch alle weiteren Links, die wir im Podcast erwähnen.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 06. November 2019

Zukunft kommt von Zuversicht

Wir haben einen mutigen und zuversichtlichen Blick in die Zukunft gewagt. Im Podcast der Mikroökonomen haben wir nämlich Uwe Schneidewinds aktuelles Buch „Die Grosse Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels“ besprochen. Hier geht es zu unserer Kritik: https://cdn.podigee.com/podcast-player/javascripts/podigee-podcast-player.js   Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 30. September 2019

9 Massnahmen für ein klimafreundliches Finanzsystem

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Finance Watch hat neun Forderungen vorgestellt, die wir von Unternehmen und Politik verlangen sollen. Die Forderungen bilden das Kernstück einer grundlegenden Finanzreform. Die ist dringend nötig, denn trotz aller Lippenbekenntnisse unterstützen Kreditinstitute weiterhin Investitionen in fossile Brennstoffe. Nur ein aktuelles Beispiel, um den immensen Handlungsbedarf aufzuzeigen. So wird die Credit Suisse, die stolz von sich behauptet, ihren Betrieb CO2-neutral zu führen, den Börsengang von Aramco begleiten. Saudi Aramco ist die grösste Erdölfördergesellschaft der Welt.

Das sind die Forderungen:

  1. Um Finanzströme klimafreundlich umzulenken, braucht es eine klare Deklarationspflicht über „saubere“ und „schmutzige“ Anlagen. Sprich, es braucht eine verbindliche Taxonomie.
  2. Unternehmen müssen dazu gebracht werden, über ihre sozialen und ökologischen Auswirkungen zu berichten. Das machen zwar viele in ihren Nachhaltigkeitsberichten, allerdings oft mit viel Phantasie und wenig Vergleichsmöglichkeiten.
  3. Die Menschen sollen selber entscheiden, wohin ihr Geld fließt. Neben einem Informationsrecht beinhaltet diese Forderung das Recht, Gelder aus nicht gewünschten Investitionen abziehen zu können.
  4. Umweltbelastende Tätigkeiten sollen bestraft werden. Normen, Quoten und Steuern müssen umgesetzt werden, um schmutzige Anlagen teurer zu machen als nachhaltige Aktivitäten. Kurz: Externe Effekte müssen eingepreist werden.
  5. Keine Subventionen mehr für die fossile Wirtschaft. Auch der Staat muss hier deinvestieren.
  6. Finanzinstitute müssen ihre fossilen Risiken reduzieren. Der Wertverlust fossiler Ressourcen wird wahrscheinlich zu einer Finanzkrise führen (Platzen der Carbon Bubble). Diese kann nur verhindert werden, wenn Banken ihre Risiken reduzieren.
  7. Mehr öffentliche Mittel sollen in den Klimaschutz fliessen. Das braucht eine langfristige und koordinierte Planung.
  8. Die Kurzfristigkeit an den Finanzmärkten muss eingedämmt werden. Finanzanlagen dürfen nicht nur an ihrem Wertzuwachs für die Aktionäre oder andere Eigentümer gemessen werden, sondern müssen den langfristigen Nutzen für die Gesellschaft berücksichtigen.
  9. Diversifizierung des Finanzmarktes, damit die systemischen Risiken sehr grosser Finanzinstitute eingedämmt werden. Die Regierungen müssen ein regulatorisches Umfeld schaffen, in dem verschiedene Bankmodelle (öffentliche Banken, regionale Banken, ethische Banken) prosperieren können.

Diese Forderungen dienen also nicht nur dem Klima, sondern auch der Stabilität des Finanzmarktes insgesamt. Wenn das keine Win-Win-Situation ist.

Weitere Informationen findet Ihr auf der Seite von Finance Watch. Eine schöne Visualisierung der Forderungen könnt ihr hier runterladen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. September 2019

Philipp Thers Geschichte des neoliberalen Europa

Die Sommerpause ist vorbei. Unsere Buchbesprechung bei den Mikroökonomen zu Philipp Thers „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa“ (2015) ist online. An der Debatte beteiligten sich Ulrich Voß (danke fürs Hosten und Schneiden!), Marco Herack, Anna-Valentina Cenariu und Barbara Bohr. Hier könnt Ihr die Folge nachhören und kommentieren. Shownotes […]